Page - 186 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Image of the Page - 186 -
Text of the Page - 186 -
Löschna(LeĆĄnĂĄ)auseigenenWerken,diezumĂŒberwiegendenTeilmitBeifallauf-
genommenwurden,375 ihmandererseits aber auchdenRuf eines âModernenâ ein-
trugen. Ebner-Eschenbach vermisste in Schaukals Novelle Mimi Lynx den
Gedanken des poetischen Realismus: âHerr Doctor, machen Sie mir einmal die
Freude, erzĂ€hlenSiemir etwasvonMenschen,die ich liebenmĂŒĂte, so recht von
Herzen. Sie können voll Fehler sein, dasmachtmir gar nichts, aber dabei etwas
TĂŒchtiges, etwasRechtes.â376AuchFerdinandvonSaar Ă€uĂerte ineinemBrief an
die befreundete Dichterkollegin die Auffassung, dass Schaukal zwar persönlich
ein ânetter, sympathischerMenschâ sei, der er auch âeinen allerliebsten, kleinen
Buben[SohnWolfgang,CM]âhabe,mitdemerâineinemFreundschaftsverhĂ€ltniĂ
steheâ.Dochâ[mit] seinenpapierenenKindernkannichabergarkeineSympathie
inmir auftreiben. SiewachsenausdemBodenwiedie SchwÀmmeund jedesmal
hoffe ich etwas Verbindliches ĂŒber das neue Produkt sagen zu können, und nie
bring ichâs heraus.â377 Den âModernenâwĂŒnscht Saar ânur gutenAppetitâ,wie er
seiner Freundin mitteilt: âMir ist solcher wenn auch talentvoller Schwulst
unverdaulich.â378
AuchSchaukalsunerbittlichesKritikerurteil, fĂŒr das erGefĂ€lligkeitenerwar-
tete,wieersie selbstnicht leichtfertigverteilte,wirkteaufEbner-Eschenbachbe-
fremdlich. Als sie den Rezensenten um eine Besprechung von Gedichten der
Baronin JosephineKnorr (1827â1908) bat, sandte Schaukal einenharschenVer-
riss,dessenVeröffentlichungsieunterband.379DerBriefwechselzwischenEbner-
EschenbachundKnorr erhellt dieBemĂŒhungender arriviertenDichterinumdie
Etablierungder Freundin,380 umso enttÀuschendermuss Schaukals anfÀngliche
Ablehnunggewesensein.
HastduSaars LenauGedicht gelesen? Ich findees sehr schönu. sagtedas einem28 jÀhri-
gen Vertreter der neuen Richtung: Richard Schaukal. Er ist hier inWeisskirchen bei der
Statthalterei angestellt. âClichĂ©-Arbeitâmeinte er. Expliciertemir auch, daĂ ein lyrisches
375 Vgl.Girardi:MĂ€hrischeSalonkulturamBeginnder literarischenModerne,S. 749.
376 Brief Ebner-Eschenbachs an Schaukal, 9. September 1904, in: Girardi: MĂ€hrische Salon-
kultur am Beginn der literarischenModerne, S. 756; sowie in:Warum: Briefe eines MĂ€hrers
ausWien indieHeimatundnachBöhmen,S.75â76.
377 Brief Saars anEbner-Eschenbach, 6. Juli 1906, in:HeinzKindermann (Hg.): Briefwechsel
zwischenFerdinandvonSaarundMarievonEbner-Eschenbach.Wien1957,S. 158â159.
378 Brief Saars anEbner-Eschenbach, 22. Juni 1906, in: Kindermann (Hg.): Briefwechsel zwi-
schenFerdinandvonSaarundMarievonEbner-Eschenbach,S. 155â159.
379 Vgl.Girardi:MĂ€hrischeSalonkulturamBeginnder literarischenModerne,S. 758.
380 Vgl. Ulrike Tanzer u.a. (Hg.): Marie von Ebner-Eschenbach und Josephine von Knorr:
Briefwechsel 1851â1908. Kritische und kommentierte Ausgabe. Bd. 1: Texte. Berlin/Boston
2016,S.XXX.
186 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik