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Auch der Prager Dichter Hugo Salus, bei dem Schaukal Erkundigungen
über Müllers wissenschaftliche Reputation eingeholt und dem er seine erste
größereHoffmann-Arbeit aus dem Jahr 1904 geschickt hatte, kritisierte Schau-
kals biographischeMethodik. Diese habe ihn in seiner Überzeugung bestärkt,
dassPoetenkeineLiteraturhistorikerseinsolltenundBiographienvonDichtern
überDichternurbeschränkteErkenntnissezutage förderten.411
Robert Mühlher (1910–2003), ein Hoffmann-Forscher der nachfolgenden
Generation, dermitMüller und Schaukal in Kontakt stand,merkte gegenüber
Schaukal 1941 an, dass die biographische Philologiemittlerweile ja doch von
einer textkritischenMethode abgelöst worden sei.412 Mühlher thematisierte in
seiner 1971 veröffentlichten Porträtskizze das ambivalente Verhältnis der bei-
denHoffmann-Verehrer. IhreGeister schiedensichamBegriff desBürgerlichen
imgegenwärtigenwiehistorischenKontext. FürMüller sei der Philologe sozial
veranlagt und verkörpere die bürgerlichen Tugenden, der Künstler wolle sich
hingegennurals„Individualist“entfalten.413
Pierre Bourdieus soziologischeAusführungen zur sozialenWelt und ihren
MachtfeldernantizipierendbemerkteMüller:
Das Herausgeben von inedits ist reineMachtfrage ... undmit Dingen verbunden, die den
überHoffmannschreibendenundHoffmanniananeudruckendenHerrenSchaukal,Ellinger,
Cerny, Maassen, Pirker usw. in gleicherWeise fern liegen: Sie betrachten und verarbeiten
[...] dasgegebeneMaterial,währendesmeinGeschäft ist, neuesMaterial erstens zu finden,
zweitensesdannzuerobernodererschmeicheln,understdrittenseszucombinierenundzu
erklären[...].414
Schaukal versuchte, sichunterdenNeuromantikernals cut point zupositionie-
renundmit seinerRomantik-Expertise eineBrückenfunktionzwischenWissen-
schaft, Kritik und Literatur einzunehmen. Sein Ziel war die Verlagerung von
sozialemKapital (also seinemannigfachen Kontakte) und kulturellemKapital
auf die kapitalärmeren Felder. Für die anvisierte Vermittlung zuVerlagen, die
den Schriftstellern der Neuromantik offenstanden, reichte die intensive Netz-
werktätigkeit jedoch nicht aus. Trotz des generellen Interesses an Schaukals
Lyrik lehnte beispielsweise der Diederichs-Verlag Schaukals Manuskripte ab,
ebensoFischerund–bisaufzweiWerke–auchder Insel-Verlag.
411 Vgl. denBrief Salus’anSchaukal, 24.Oktober 1904, S-NL,WB.AuseinemBrief Salus’an
Schaukalvom2.Februar 1904,S-NL,WB,wirdersichtlich,dassSalusHansvonMüller anden
Langen-Verlagvermittelnkonnte.
412 Vgl.denBriefMühlhersanSchaukal, 1. Juni 1941,S-NL,WB.
413 Mühlher:HansvonMüller,S. 122.
414 BriefMüllersanMühlher,undatiert, in:Mühlher:HansvonMüller,S. 124.
194 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik