Page - 202 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Image of the Page - 202 -
Text of the Page - 202 -
seinenneuenRoman.Wahrscheinlichhandelte es sichumdasam27.MĂ€rz 1897
veröffentlichteWerkTheater.DerzudieserZeitbereitsalsKritiker tÀtigeBriefpart-
ner ergriff dieGelegenheit und versuchte, Bahrmit einer ungefragtenRezension
zubeeindrucken.Er schÀtze zwarden ironischenTonunddieWienerCharaktere
derâSkizzeâ,könneaberaufgrundderuneinheitlichenErzĂ€hltechnikdieBezeich-
nungâRomanânicht gelten lassen.448 Zuvor schonurteilte derumEindruckhei-
schendeSchaukal:âAlsEssayisthabe ichSieunendlichgern. (AlsDichter freilich
garnicht).â449
Mit seinem letztenBrief dĂŒrfte Bahr auf Schaukals zwischen Schmeichelei
undAffront changierendeAnsuchenumVermittlungmit einer definitivenAb-
fuhr reagiert haben. Er bedauere, âdaĂ die âWasserâ zwischen uns so âtiefââ
seien, soSchaukal,der inseinemviertenundletztenBriefanBahrnocheinmal
ausdrĂŒcklich wiederholte, was ihm jener wohl abgesprochen hatte: âdaĂ ich
einDichterbin.â450
Schaukal war, vielleicht auch ausgelöst durch die Kritik an Theater, in
Wien literarisch isoliert. Eventuell kam der Dichter auch schlicht zu spÀt, die
Spirale der von Bahr verkĂŒndeten Ăberwindungen und Entwicklungen hatte
sichweitergedrehtunddas JungeWienum1897bereitsunterschiedlichekĂŒnst-
lerischeWegeeingeschlagen.BahrsProjektderEtablierungeiner spezifischös-
terreichischen Literatur auf der Grundlage seiner Pariser Bildungsjahre war
nichtdurchzusetzen.DerVermittlerBahrâschienbalddaraufdieGeduldverlo-
ren zu haben, vielleicht sah er auch die Unvereinbarkeit von Àsthetizistischer
Kunstauffassungund regionalliterarischerProfilierung. Zudemverlorendie Às-
thetizistischen Konzepte mit der Zeit ihren innovativen Charakter. So wandte
sichBahrschonMittederneunziger JahreneuenIdeenzu.â451
Bahrhatte eine sehrkonkreteVorstellungdavon,wiedievon ihmprotegierte
Wiener Dichtergruppe besetzt und beschaffen sein sollte: als abgeschlossener
Kreis, der persönlichwie Àsthetischharmoniert unddas Bild eines einheitlichen,
auf ihn ausgerichteten Zirkels abgibt. Ein autonarratives âWirânennt imVorwort
vonBahrsKritikensammlungRenaissance (1897)die Jung-WienerbeimKose-oder
Vornamen (âlieber Hugo, lieber Poldiâ) und beschwört einen âstillen Kreisâ, der
einst aufdie âgroĂeWeltâEinflussnehmenmöge.452 PaulWertheimer rezensierte
448 BriefSchaukalsanBahr,9.April 1897,NL-B,TMW.
449 BriefSchaukalsanBahr,undatiert,NL-B,TMW.
450 BriefSchaukalsanBahr, 12. Juli 1897,NL-B,TMW.
451 Bachleitner:EinesoziologischeTheoriedes literarischenTransfers,S. 154.
452 Bahr:AnLeopold vonAndrianundHugovonHofmannsthal. In:KS.Bd.V:Renaissance.
NeueStudienzurKritikderModerne.Weimar2008,S.9â10.
202 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik