Page - 213 - in Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
Image of the Page - 213 -
Text of the Page - 213 -
turjuden“ und „Snob“ bezeichnete.500 Schnitzler verband mit Wassermann ein
zwiespältigesVerhältnis, demWerk traute er aber immerhinzu,dieVorstufe zum
in Deutschland noch ausstehenden „großen Roman“ zu sein.501 Ins Kreuzfeuer
von Schaukals Kritik gerieten desWeiteren der Literaturbetrieb im Allgemeinen
sowie seineAffektiertheit.Dabei gerierte er sich ironisch-dialektischals„Phantast
undBeamter“,der fast feudalsei,abereigentlichdochein„Anarchist“.502
Auch Schnitzler zeigte sich vom Kaffeehaustreiben mitunter angewidert:
„Vertrage Griensteidl nicht; die Atmosphäre Kulka etc. deprimiertmich“, wet-
terte er am 20. Februar 1892 gegen das Café und seine Besucher.503 Eventuell
rührte daher eine gewisse Toleranz für den acht Jahre später umKontakt an-
suchenden Schaukal, auchwenn Schnitzlers Anteilnahme fĂĽr den dichtenden
Beamten aus Mähren nicht sehr groß gewesen sein dürfte. Er antwortete mit
unpersönlichen, im Verlauf der langsam versiegenden Korrespondenz immer
knapperen Briefen. Die ZurĂĽckhaltung Schnitzlers mit einer divergierenden
Kunstauffassung zu erklären, greift allerdings zu kurz. Zu einemwesentlichen
Teil ist diemangelndeResonanzwohlaufSchaukalswĂĽsten, selbstischenTon-
fall zurückzuführen:Nachdemer sichumständlichals„Kritiker vor allem,bos-
hafter Causeur,mit den verschiedenstenMenschen gut Freund und eigentlich
niemandes Freund,Melancholiker ausAnlage, Sanguiniker aus Blut, sinnlich,
ehrgeizigundallenEhrgeiz belächelnd, vor allemMenschderContenance, der
Form,WeltmannausErziehung“ eingeführt hat, folgt die Litanei gegenRenate
Fuchs:
MuĂź ich Ihnen jetztWassermannsBuchnoch auseinanderlegen? Zeigen,wie unglaublich
geschmacklos, lächerlich ungeschickt, stillos dieses Machwerk ist. Eine geschraubte,
gewundene,mühsame,ächzende,stöhnendeDictionohneElan,ohneSchwung,ohneElas-
tizität; vergebliches Bemühen um unbekannte Sphären, Geistreichelei aus d. Caféhaus
[...].504
ThematischeParallelenundähnlicheEinflüsse zeigensich imTheaterschaffen,
etwa inderAffinität beiderDichter zuWienerVorstadtkomödieundCommedia
500 Brief Schaukals an Schnitzler, 2.Mai 1901, in: Urbach (Hg.): Richard Schaukal–Arthur
Schnitzler:Briefwechsel (1900–1902),S. 20 (RS3).
501 Brief Schnitzlers an Olga GuĂźmann, etwa 25. Juli 1900, in: Therese Nickl und Heinrich
Schnitzler (Hg.):ArthurSchnitzler:Briefe 1875–1912.FrankfurtamMain1981,S.389.
502 Brief Schaukals an Schnitzler, 2. Mai 1901, in: Urbach (Hg.): Richard Schaukal–Arthur
Schnitzler:Briefwechsel (1900–1902),S. 21 (RS3).
503 Schnitzler:Tagebuch.Bd.: 1879–1892,S.366.
504 Brief Schaukals an Schnitzler, 2. Mai 1901, in: Urbach (Hg.): Richard Schaukal–Arthur
Schnitzler:Briefwechsel (1900–1902),S. 22 (RS3). 8 WienerNetzwerke 213
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik