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dell’arte. Auf die Verbindung von Schnitzler und Schaukal spielte auch Franz
Blei in seiner SatireBriefe an einen strebsamen jungenMann an. An Schaukal
gerichtetheißtesdarin:
Sie [. . .] grüßen imTheater etwawohlnachderRichtung,woHerrArthurSchnitzler sitzt,
denSie natürlichdazugarnicht zukennenbrauchenunder Sie nicht, und sagenSie zu
Ihrer Nachbarin in der Loge: „Der gute Schnitzler wird immer dicker.“ Aber sagen Sie
nicht etwa, Siewärenbefreundetmit ihm, denndie guteDamekönnte Lust bekommen,
durchSieHerrnSchnitzlerkennenzulernen.505
Schnitzler lobte Schaukals Scenen aus einer Gesellschaft junger Leute, das die-
Münchner Dramatische Gesellschaft zusammen mit seinem Der tapfere Cassian
undPaulMongrés (1868–1942)DerArzt seinerEhre füreinenEinakterabend insze-
nierenwollte, jedoch aus rechtlichenGründen absagenmusste.506 Ähnlichkeiten
finden sich außerdem in der Auseinandersetzungmit zeitgenössischen Themen:
Doppelmoral, verdrängte Begierden und der Tod sind die gängigen Konstanten
ihrerWerke.AuchdieLiebes-ReigenentwerfeneinunkonventionellesBild institu-
tionalisierterMann-Frau-Verbindungen.507 (Un-)Treue, der Ehestandunddie sich
darausergebendenZwänge,dieUnfähigkeitderMenschen, zueinanderzu finden,
wie sie Schaukal inMimi Lynx,Eros,RückkehrundEiner, der seine Frau besucht
durchspielt, thematisiert Schnitzer etwa in Zwischenspiel und Das weite Land.
SchnitzlersdramenästhetischenRekursaufTypenderösterreichischenundfranzö-
sischen Literatur hebt Richard Specht in seiner 1922 erschienenen Biographie
hervor:
Das istmir soungemeinsympathisch imAnatol,daßSchnitzleresmitGlückversucht, im
MilieuundDialogeinStückWienertumfestzuhaltenundder typischgewordenenPariser
Cocotte, demPariser Lebemann dasWiener Pendant an die Seite zu stellen, eine dank-
bareundbisherunversuchteAufgabe.508
Schaukals vom französischen Dandytypus beeinflusster Andreas von Balthesser
erinnert andievonSpechtdargelegten typologischenCharaktere,wie sieSchnitz-
leraufdieBühnebrachte.
Jahrzehnte nach dem Kontakt äußerte sich Schaukal antisemitisch über
deneinstumschmeicheltenAdressatenseinerBriefe.ZudiesemZeitpunkthatte
505 FranzBlei: Briefe an einen strebsamen jungenMann. In: Blei: Schriften inAuswahl.Mit
einemNachwortvonA.P.Gütersloh.München1960,S.626–637,hierS.629–630.
506 Vgl.dieAnmerkung in:Girardi (Hg.):ThomasMann:BriefeanRichardSchaukal,S. 182.
507 Vgl. Schaukal: Pierrot undColombine oder Das Lied von der Ehe: ein Reigen inVersen.
Leipzig/Berlin1902.
508 Specht:ArthurSchnitzler,S. 51.
214 III Schaukal inNetzwerkenundFeldernderModerne
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik