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Veröffentlichung vonBalthesser auch inWien zumKreis angesehener Dichter
gezähltwurde. Zumindest vondenOrganisatoren solcherVeranstaltungen, die
aus Gründen des Effekts auf ein diffuses Schlagwort der Zeit zurückgegriffen
haben. Eisenschitz trieb die abgegriffene Floskel sogar noch auf die Spitze,
indem er der von konservativer Seite diffamierten Bezeichnung ‚Moderne‘ das
Präfix ‚Hyper‘ voranstellte. Mit Blick auf die Beiträger zeigt sich die Dialektik
auskünstlerisch-literarischer TraditionundProgression.Die ältestenVertreter,
Liliencron (Jahrgang 1844) undStrindberg (Jahrgang 1849), sollten ebensoTeil
derPremieren-Abendeseinwiediedeutlich jüngeren,bereitserfolgreichenHof-
mannsthal und Schaukal (beide Jahrgang 1874), Mann und Rilke (beide Jahr-
gang 1875). Dazwischen stehen die in den 1860er Jahren geborenen Schnitzler
(Jahrgang 1862), Dehmel (Jahrgang 1863) und Beer-Hofmann (Jahrgang 1866).
Auch wenn die ‚Modernen-Premieren-Abende‘ nie stattgefunden haben, bele-
gensiedennochdiekünstlerischeVernetzung inWien,dieüberdieösterreichi-
schen und generationalen Grenzen hinausging und zum Teil auch ästhetisch
entfernteAkteure in einer avanciertenVeranstaltung zueinenversuchte.Nicht
nur der generationenumspannende künstlerische Austausch ist als internatio-
naler Kulturtransfer einWesenszugder ästhetischenModerne.Auchdie Tatsa-
che, dass der Künstlerabend im Festsaal des renommierten Österreichischen
Ingenieur-undArchitektenvereines stattfindensollte, istAusdruckderZeit.Ar-
chitektur, zivilisatorischer Fortschritt und sozialethische Themen verbanden
sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit dichterischen Belangen zu
interdisziplinärenThemenfeldern,dieauchSchaukalbehandelte.
8.7 IndividualistenundGruppenakteurederAnti-/Moderne
InAnlehnunganZygmutBaumansModernity andAmbivalence (1991; dt. 1992)
hebt Libor Marek gerade die Heterogenität und das Oszillieren zwischenMo-
derne und Antimoderne als Charakteristikum von Schaukals Werk hervor.521
Als ein solches Merkmal gelten auch seine Zwischen-Positionen beziehungs-
weise die Positionenwechsel als Gruppenakteur und Individualist. Isolation ist
im sozialen Raum nicht ohne Kapitalverlust möglich und widerspricht den
Erfolgsbestrebungen. Andererseits war Subjektivismus gerade eine poetische
ReaktionaufdieEntwicklungenderModerne. Schaukal inszenierte seineWelt-
abgewandtheit als Geste der Genialität, doch später führte das unfreiwillige
521 Vgl.Marek:DieErfahrungderModerne imWerkRichardvonSchaukals,S. 18.
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Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik