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Der Dichter zeigt, als Deutscher, herzlichstes, aufnahmebreites Verständnis für seine
nicht-deutschen Brudervölker im Reiche: was so vielen unserer Politiker als unlösbares
Problem dünkt, erschließt sich ihm als natürliche Selbstverständlichkeit, was jenen als
Mangel Österreichs erscheint, ist ihm Vorzug und Wesen Österreichs. Richard von
Schaukals „Österreichische Züge“ [eine 1918 bei Müller in München erschienene
Essaysammlung, CM] offenbarenmehr vonÖsterreichs Sein undWerden als eine ganze
politischeBibliothek.556
Schaukals Interesse galt nicht allein der Steigerung seines Einflusses alsDich-
ter undBeamter auf die Kulturpolitik. Schon vor Kriegsausbruch strebte er di-
rekt ins Feld der Politik. Für diesen Schritt wählte er einen Bekannten seines
Vaters zum Mittelsmann, den österreichischen Juristen, Wissenschaftler und
Politiker JosefRedlich,derunterandereminderK.u.k.-StatthaltereiBrünntätig
warundalsAbgeordneter imMährischenLandtagsaß.557
Schaukal wandte sich imApril 1908 erstmalsmit einer Büchersendung an
Redlich, bevor er, jedoch erst einige Jahre später, am 14. Juni 1912 seine politi-
schenAmbitionenäußerte. Er teilteRedlichseinenWunschmit, selbstVolksver-
treter zuwerden. Dafür bat er den erfahrenen Politiker umUnterstützung, und
Redlich befürwortete Schaukals Absichten: „Ich halte Sie für eine sehr aktive
Natur,diesichnichtdamitbegnügt,blossdurchkünstlerischesWirkensichaus-
zuleben.“ Er schlug vor, dass Schaukal Mitglied des heterogenen, im Prinzip
aber großdeutsch ausgerichteten Deutschen Nationalverbandes werden sollte,
„weil ich jedeVermehrungdernicht grossenZahl von Intellektuellenunter den
Deutschen und überhaupt im Abgeordnetenhaus mit besonderer Freude be-
grüsse.“Schaukal interessierte sich für einpolitischesAmt inNeutitschein,dem
Geburtsort seiner Frau Fanny Hückel. Redlich riet jedoch von den böhmisch-
mährischenStädtenab.Erseizwarmit„derangesehensten Industriefamilie“der
Stadt verwandt, aber die „deutschradikalen Kandidaten“ hätten aufgrund der
traditionell starkenSozialdemokratieund jüdischenWählerschaftdortkeinegro-
ßenErfolgsaussichten.Redlichnannteeinige„lokaleMachthaber“,mitdenener
in Kontakt treten solle.558 Auf Schaukals Widerwillen, sich einem Parteipro-
grammunterzuordnen,reagierteRedlichbeschwichtigendundermutigend:
556 [Anon.]:Literatur. In:Danzer’sArmee-Zeitung,Nr. 23–24/1918 (6./13. Juni 1918),S.6.
557 Vgl.FritzFellnerundDorisA.Corradini (Hg.):SchicksalsjahreÖsterreichs.DieErinnerun-
genundTagebücher JosefRedlichs, 1869–1936.Wien/Köln/Weimar2011.
558 Brief Redlichs an Schaukal, 14. Juni 1912, S-NL, WB. Konkret verwies Redlich auf den
LandtagsabgeordnetenPreissenhammer, einenHerrnRohrer ausBrünnunddenLandtagsab-
geordnetenDr.Fischel,derEinflussaufdie liberaleund jüdischeWählerschaft inWeißkirchen
undLeipnikausübe.
10 Exkurs:SchaukalalsVermittlerzwischenKunstundPolitik 229
Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Title
- Richard Schaukal in Netzwerken und Feldern der literarischen Moderne
- Author
- Cornelius Mitterer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-061823-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 312
- Categories
- Weiteres Belletristik