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Einleitende Überlegungen 29
zur sukzessiven Monopolisierung und Reglementierung des kulturellen Lebens
am Ende des Jahrzehnts“ – zur Darstellung bringen. Einen panoramatischen
Überblick über „Annäherungen an das sowjetische Leben“ im Feuilleton der
Roten Fahne präsentiert Erian: Für Sowjetnarrative von VertreterInnen der pro-
letarisch-revolutionären Literatur werden Beiträge von Körber und Hans Maier
neben Reiseberichten unter anderen von Frida Rubiner und Otto Heller, aber
auch reisenden ‚Proletariern‘ (Arbeiterdelegationen zum Beispiel) analysiert.
Heller etwa als „produktivster Berichterstatter aus der Sowjetunion“, 1926 von
Wien nach Berlin übersiedelt, reiste im Sommer 1929 in seiner Funktion als
Redakteur der Tageszeitung Welt am Abend nach Russland; Resultat waren meh-
rere Reiseberichte wie etwa Sibirien. Ein anderes Amerika. In dem Vorwort dazu
beteuerte Heller seinen Glauben an die proletarische Weltrevolution und dekla-
rierte Sibirien zum „Feuerkessel […] des Werdens einer neuen Welt“, in der auf
einer neuerlichen Reise basierenden Schrift Der Untergang des Judentums (1931)
dann zum „heute noch fast menschenleere[n] Zukunftsland der Juden der Sow-
jetunion“. Einer inzwischen nahezu vergessenen, zeitgenössisch vor allem von
einer tendenziell (katholisch-)konservativen Leserschaft nachgefragten Autorin
ist der Beitrag von Natalia Blum-Barth gewidmet:
der aus der post-revolutionä-
ren Sowjetunion gemeinsam mit ihrem österreichischen Ehemann Arnulf von
Hoyer emigrierten Alja Rachmanowa. Spätestens mit der Veröffentlichung von
Milchfrau von Ottakring. Tagebuch einer russischen Frau von 1932 als drittem
Teil einer Trilogie war Rachmanowa zu einer Erfolgsautorin avanciert, für deren
Werke zeitgenössisch mit Hinweis auf deren Authentizität geworben wurde.
Blum-Barth beleuchtet für Rachmanowas Schaffen einen „komplizierte[n] Fall
kollektiver Autorschaft“ (von Rachmanowa, v. Hoyer und dem Verlagslektorat)
ebenso wie dessen strikt anti-sowjetische, anti-bolschewistische Stoßrichtung
(gegen den „Roten Terror“). Dies wird unter anderem mit kruden Gewalt-Ex-
zessen im post-revolutionären Russland gemäß der Darstellung in Studenten,
Liebe, Tscheka und Tod, dem ersten Band der Trilogie, veranschaulicht und mit
der sowjetischen Idee beziehungsweise Ideologie des bei Blum-Barth auch unter
der Prämisse von gender-Entwürfen diskutierten „Neuen Menschen“ kontras-
tiert und kontextualisiert.
Abschließend skizziert Ester Saletta eine
– kontinuierliche
– Auseinanderset-
zung im Wiener Kulturleben mit der russischen Geschichte und Kultur anhand
von Katharina der Großen gewidmeten Werken beziehungsweise (kritischen)
Reaktionen auf ebendiese. Neben G. B. Shaws dramatischer Skizze Great Cathe-
rine, Albert Savoirs Komödie Die kleine Katharina, Gina Kaus’ Roman-Biogra-
fie Katharina die Große und Anatolij Mariengofs Roman Ekaterina gelangen so
auch zwei Filmproduktionen ins Blickfeld: The Scarlet Empress unter der Regie
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur