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Österreichisch-sowjetische Kulturkontakte 1918/38 37
Industrie-AG (RUSAVSTORG).19 Sie repräsentierten die verschiedenen Grup-
pen, auf denen der Verein zu einem guten Teil beruhte, nämlich Wissenschaft-
ler, Vertreter der österreichischen Siedlungsbewegung, Wirtschaftstreibende
und Persönlichkeiten aus der Musikwelt. Dazu kamen noch Journalisten und
Schriftsteller vornehmlich aus dem sozialdemokratischen Umfeld. Als wich-
tige Handlungsträger seien an dieser Stelle erwähnt: neben Armand Eisler der
Jurist Salomon Tocker, die Friedens- und Frauenaktivistin Yella Hertzka, Frau
des Leiters des Musikverlages Universal-Edition (UE) Emil Hertzka, der Leiter
des Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseums Otto Neurath, die Schriftsteller und
Journalisten Bruno Frei und Josef Luitpold Stern, letzterer auch Leiter der sozial-
demokratischen Bildungszentrale, die im zaristischen Russland geborene Kunst-
historikerin Fannina Halle und Abram Dzimitrowsky, ein Mitarbeiter der UE.
Der österreichische Gesandte in Moskau Otto Pohl wirkte als korrespondieren-
des Mitglied. Als Vorsitzende fungierten bis 1929 nacheinander Moritz Schlick
(1926/27), Hans Kampffmeyer (1927/28) und Joseph Marx (1929/30).20
Alle Genannten verband wohl das Interesse an der sowjetischen Kultur, an
den Neuerungen im Alltagsleben, in der Gesellschaft, in Wissenschaft und
Kunst. Die avantgardistische Kunst und innovative Experimente in der „neuen
Welt“ während der eher liberalen 1920er Jahre waren auch in der österreichi-
schen Öffentlichkeit oft Gegenstand von Diskussionen. Unter den positiven Vor-
zeichen der Neuen Ökonomischen Politik fanden in den Jahren 1925–1929 die
meisten bedeutenden Kulturkontakte sowie Veranstaltungen der ÖG21 statt.
Gerade die ersten sowjetischen Besuche aus der Musik- und Theaterwelt in
Wien um 1924/25 gaben wichtige Impulse. Gleiches gilt für das Engagement, mit
dem sich die UE der modernen Musik in der UdSSR annahm;22 die Kontakte in
den Osten ermöglichte der aus Russland stammende Mitarbeiter Abram Dzimit-
rowsky ab 1923.23 Um diese Zeit begann der sowjetische Musikwissenschaftler
19 Vgl. Wiener Stadt- und Landesarchiv [WStLA] 1.3.2.119.A32 – Gelöschte Vereine
1920–1974, 7014/25.
20 Vgl. Köstenberger, Kulturkontakte, S. 240f. Prominente Namen, etwa Joseph Marx,
Josef Hoffmann, Franz Theodor Csokor, Alfred Adler, Hans Kelsen, Julius Tandler oder
der Philosoph Rudolf Eisler, finden sich in den Mitgliederlisten der Fachabteilungen
der ÖG (vgl. Moritz, Gegenwelten, S. 470–472).
21 Eine Liste von Veranstaltungen zwischen 1924 und 1936, basierend auf den Akten der
VOKS und diplomatischen Berichten, findet sich in:
Moritz, Gegenwelten, S.
463–468.
22 Zur Zusammenarbeit der UE mit der sowjetischen Musikwelt vgl. Olesja Bobriks Bei-
trag in diesem Band.
23 Vgl. dies., Venskoe izdatel’stvo „Universal Edition“ i muzykanty iz Sovetskoj Rossii,
S. 47–49.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur