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Vera
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sich zu dieser Zeit bereits mit den Möglichkeiten zur Schaffung von Klein- und
Kleinstwohnungen befasst hat.25 Damit sah sie gewissermaßen das Konzept der
„Wohnung für das Existenzminimum“ vorher, mit dem sich 1929 Architekten
aus aller Welt im Rahmen der Congrès Internationaux d’Architecture Moderne
(CIAM, 1928–1959) in Frankfurt befassen sollten.26
Einige der ersten städtischen Bauprojekte Wiens, etwa der Matteottihof27
und der Metzleinstalerhof,28 beherbergten auch soziale Einrichtungen wie einen
Hort, ein Jugendamt und eine Badeanstalt, was für diese Zeit revolutionär war.
Der Breslauer Architekt Alfred Grotte lobte in einem in der Zeitschrift Was-
muths Monatshefte publizierten Beitrag zwar die optimale Raumausnutzung der
Gemeindewohnungen, die einen amerikanischen Einfluss erkennen lasse, ahnte
jedoch zugleich kritische Stimmen voraus:
Es ist unverkennbar, daß in der ausgezeichneten, bis ins kleinste ausgetüftelten Raum-
ausnutzung, besonders aber auch in der Verwendung eingebauter Typenmöbel ame-
rikanische Vorbilder benutzt wurden. Aber angepaßt den typisch wienerischen
Grundrißgestaltungen und Lebensgewohnheiten, die man im Reiche nicht überall ver-
stehen und darum nicht restlos billigen wird.29
Da die Umsetzung der Wiener Sozialbauprojekte verhältnismäßig unspektakulär
verlief und zudem weitgehend ohne jenen polemischen künstlerisch-program-
matischen Diskurs, der in den Avantgarden geführt wurde, auskam, erhielten
die Wiener Gemeindebauten trotz ihres progressiven Anspruchs insgesamt nur
relativ wenig internationale Resonanz.30 Ein 1926 in der konstruktivistischen
25 Vgl. Christine Zwingl: Grete Lihotzky, Architektin in Wien, 1920–1926. In: Doris
Ingrisch, Ilse Korotin, Charlotte Zwiauer (Hgg.): Die Revolutionierung des Alltags.
Zur intellektuellen Kultur von Frauen im Wien der Zwischenkriegszeit. Frankfurt
a.M. u.a.: Peter Lang 2004, S. 243–252.
26 Zur Idee der Tagung vgl. z.B. Ernst May: Die Wohnung für das Existenzminimum.
In: Das Neue Frankfurt, Nr. 11/1929, S. 209–217.
27 Für die Planung zeichneten Heinrich Schmid und Hermann Aichinger verantwort-
lich.
28 Der Metzleinstalerhof am Wiener Margaretengürtel entstand in mehreren Baupha-
sen ab 1919 und zählt zu den ersten von der Gemeinde Wien erbauten städtischen
Wohnhausanlagen. Für die Planung zeichnete u.a. Hubert Gessner verantwortlich.
29 Alfred Grotte: Wiener Kleinwohnungstypen von 27 bis 66 qm. In: Zentralblatt der
Bauverwaltung, Nr. 37/1926, S. 425–427, zit. S.
425.
30 Dass es jedoch sehr wohl zu einer, wenngleich marginalen, Rezeption kam, zeigt
ein vierseitiger Beitrag, der 1926 in der französischen Kunstzeitschrift Cahiers d’Art
erschien und sich zwar weniger mit Text, doch ausführlich mit Bildmaterial den
„Maisons ouvrières a Vienne“, den Arbeiterwohnungen in Wien, widmete und
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur