Page - 337 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Österreich und der sowjetische Konstruktivismus 337
Zeitschrift Sovremennaja Architektura erschienener Beitrag zu den „Munizipal-
bauten in Wien“ ist einer der wenigen Belege für die Rezeption österreichischer
Architektur in der frühen Sowjetunion.31 Der Verfasser V. Kališ berichtet darin
von einem Vortrag des österreichischen Ingenieurs Hermann Neubacher, der
in Moskau am 15. November 1926 auf Einladung der VOKS32 die neuesten Ent-
wicklungen des sozialen Wohnbaus in Wien präsentiert hat. Das Problem der
massiven Wohnungsnot stelle sich Neubacher zufolge sowohl in Wien als auch
in den sowjetischen Metropolen in ähnlicher Form und solle mit ähnlichen Stra-
tegien bekämpft werden. Die Ursachen des nach wie vor evidenten Wohnungs-
mangels seien vor allem in den Folgen des Krieges und der daraus resultierenden
katastrophalen Abwertung der österreichischen Krone zu verorten. Dass in den
Jahren unmittelbar nach dem Krieg etwa 30.000 Wohnungen gefehlt haben, habe
durch die rege Bautätigkeit der Nachkriegsjahre
– allein zwischen 1919 und 1923
sind Neubacher zufolge in Wien 3.500 Wohnungen errichtet worden
– dennoch
nicht angemessen kompensiert werden können. Schließlich wirft der österreichi-
sche Ingenieur die Frage auf, welche Rolle Siedlungsbauten, etwa Gartenstädte,
in einer Stadt mit der Größe Wiens in Zukunft einnehmen könnten.33 Garten-
städte (russ. „goroda-sady“) waren ein beliebtes und viel diskutiertes Konzept
der sowjetischen Avantgarde, das auch vom ebenfalls im Publikum anwesenden
Moskauer Architekten Mozej Ginzburg propagiert wurde.34
Als Resümee betont die Sovremennaja Architektura die Relevanz des Wiener
‚Fünfjahresplans‘, der zwischen 1924 und 1928 den Bau von weiteren 25.000
Wohnungen und somit die Schaffung von Wohnraum für bis zu 120.000 Men-
schen vorsehe. Die technischen und organisatorischen Leistungen der Wiener
Gemeindebauten müssten auch international anerkannt werden,35 so Kališ, der
die fehlende Wahrnehmung österreichischer Errungenschaften moniert.
Gemeindebauten von Josef Frank, Peter Behrens, Oskar Strnad und Josef Hoffmann
präsentierte (vgl. Cahiers d’Art, Nr. 6/1926, S. 132–135).
31 Vgl. V.G. Kališ:
Municial’noe stroitel’stvo Veny. Munizipalbauten in Wien. In:
Sovre-
mennaja Architektura, Nr. 5–6/1926, S. 135. Dem internationalistischen Anspruch
der Zeitschrift entsprechend hielt der Beitrag auch einen deutschen Titel bereit.
32 VOKS:
„Vsesojuznoe Obščestvo kul’turnoj svjazy s zagranicej“ (dt. „All-Unions-Ge-
sellschaft für die kulturellen Beziehungen mit dem Ausland“).
33 Vgl. V.G. Kališ:
Municial’noe stroitel’stvo Veny. Munizipalbauten in Wien. In:
Sovre-
mennaja Architektura, Nr.
5–6/1926, S. 135.
34 Vgl. z.B. M.O. Baršč/Moizej Ginzburg:
Zelenyj gorod. In:
Sovremennaja Architektura,
Nr. 1–2/1930, S. 20–37.
35 Vgl. V.G. Kališ:
Municial’noe stroitel’stvo Veny. Munizipalbauten in Wien. In:
Sovre-
mennaja Architektura, Nr.
5–6/1926, S. 135.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur