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Proletariat, ihm scheinbar als Geschenk dargebracht, samt dem Willen, sich anzuglei-
chen. Dieses Geschenk wird aber abgelehnt.60
Während deutsche Architekten wie Ernst May, der ebenso wie Frank als Mit-
initiator der CIAM fungierte, 1930 mit der sogenannten Brigade May in die
Sowjetunion reisten, um im Auftrag der Behörden monumentale Bauprojekte
zu realisieren, begab Frank sich im Zuge kleinerer Vortragsreisen lediglich in die
österreichischen Bundesländer und ins angrenzende Ausland. Ähnlich wie die
Rote Bauhausbrigade, der Mitglieder des Bauhauses rund um dessen ehemaligen
Direktor Hannes Meyer angehörten, setzte sich Mays Brigade aus Mitgliedern
von Das Neue Frankfurt zusammen, zu denen mit Margarete Schütte-Lihotzky
auch eine österreichische Architektin zählte.61
5 Richard Neutra, Wie baut Amerika?
Während vielen in Österreich verbliebenen Architekten die internationale
Anerkennung weitgehend verwehrt blieb, konnten sich andere in der Emigra-
tion sehr gut etablieren. Neben Schütte-Lihotzky, die in Frankfurt und Moskau
zu den wichtigsten europäischen Architekten zählte, war auch Richard Neutra
im Ausland erfolgreich: Neutra war 1923 in die USA übersiedelt, sodass er in
der Sowjetunion nunmehr als amerikanischer Architekt rezipiert wurde. Seine
umfangreich bebilderte Publikation Wie baut Amerika? wurde sowohl in Russ-
land als auch in der Sowjetukraine vergleichsweise breit rezipiert. Mit Kak stroit
Amerika? erschien 1929 eine russische Ausgabe des Bandes im Moskauer Verlag
Makiz.62 Da diese in den (mir bekannten) Bibliografien zu Neutra ausnahms-
los nicht in der Liste seiner Publikationen aufscheint, dürfte deren Existenz
zumindest außerhalb des russischen Sprachraums wohl in Vergessenheit geraten
sein. Neben Russland, wo bereits 1927 eine Rezension zur deutschen Ausgabe
60 Ebd., S.
115.
61 Zum Aufbruch der Brigade Richtung Sowjetunion vgl. Margarete Schütte-Li-
hotzky:
Erinnerungen aus dem Widerstand, 1938–1945. Hg. v.
Chup Friemert. Ham-
burg: Konkret Literatur Verlag 1985, S. 26ff.
62 Vgl. Richard Nejtra: Kak stroit Amerika? Moskva: Makiz 1929. Auf diesen Band,
der mir jedoch leider nicht vorliegt, verweist David Arkin in seiner Studie zur zeit-
genössischen Architektur des Westens, gibt dabei jedoch fälschlicherweise 1930 als
Erscheinungsjahr an (vgl. David Arkin (Hg.): Architektura sovremennoj zapada
[Architektur des zeitgenössischen Westens]. Mit einem Vorwort von A. Šusev. Ins
Russische übertragen von L. Olisova. Moskva: Izogiz 1932, S. 186).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur