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Veronika
Hofeneder354
von Zeitschriften, das diese als komplexe Funktions- und Formenbündel mit
medialer Eigenlogik begreift,12 ist auch die Zeitschrift Sowjet als Verhandlungs-
ort, an dem unterschiedlichstes Wissen und differente Normen in verschiedensten
Formen präsentiert werden, einzuschätzen. Diese Präsentationsformen umfassen
sowohl bildliche Elemente wie Fotografien oder Zeichnungen als auch vielfältige
Textsorten wie zum Beispiel Essays, Nachrichten, Notizen, Werbung oder lite-
rarische Texte. Indem die Textbeiträge eine große thematische beziehungsweise
ideologische Diskrepanz aufweisen, können sie als durchaus charakteristisch für
die zeitgenössische linke, insbesondere kommunistische, Bewegung in Österreich
angesehen werden, die keineswegs eine einheitliche ideologische Ausrichtung
zeigt.13 Vor allem durch literarische Texte, die streckenweise die zum Teil ausge-
sprochen radikale Programmatik der Zeitschrift unterwandern, bietet der Sowjet
auch von der Blattlinie abweichenden Gegendiskursen Raum: Während in Essays
über politische Entwicklungen und in Artikeln zur Lage des Kommunismus in
europäischen Ländern Revolution und Diktatur des Proletariats gefordert werden,
sprechen sie oftmals eine gemäßigtere Sprache und schlagen moderatere Ent-
würfe vor. So ist beispielsweise in der ersten Nummer ein Gedicht des tschechi-
schen Schriftstellers Petr Bezruč zu finden, das mit seinem Revolutionspathos dem
gewaltbereiten Duktus des aktuellen Heftes entspricht. Seiner ideologischen Dis-
position nach ist Bezruč selbst aber als anti-sowjetisch und damit als ein Gegenpol
zur prinzipiell pro-sowjetischen Ausrichtung der Zeitschrift einzuschätzen. Gina
Kaus’ Erzählung Der Altar erhebt zwar den Anspruch, erstmals bolschewistische
Postulate auf literarischer Ebene umzusetzen,14 erfüllt dies aber nur sehr bedingt;
der ersehnte Umsturz erfolgt im literarischen Kontext gewaltfrei und mit bürger-
lich-kapitalistischen Mitteln.
Dieser Heterogenität verschiedener Russland-Diskurse beziehungsweise all-
gemeiner, der revolutionären Diskurse im ersten Jahrgang des Sowjet wird im Fol-
genden anhand dreier Syntagmen nachgespürt: zunächst anhand der Antithese
von Intellekt und Gewalt, das heißt den Positionierungen zu bei revolutionären
Lachmann (Hgg):
Memoria. Vergessen und Erinnern. München:
Fink 1993, S.
283–
304, zit. S. 286.
12 Vgl. Frank u.a., Kultur, bs. S. 41–45; Madleen Podewski: Komplexe Medienordnun-
gen: Zur Rolle der Literatur in der deutsch-jüdischen Zeitschrift „Ost und West“
(1901–1923). Bielefeld: Transcript 2014, S.
7–29.
13 Vgl. Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei. In: Erika Weinzierl/Kurt Skalnik
(Hgg.):
Österreich 1918–1938. Geschichte der Ersten Republik. Bd.
1. Graz u.a.:
Styria
1983, S.
317–329.
14 Vgl. N.N.: Mitteilungen. In: Sowjet, H. 1/1919, S. 66–72.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur