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Russland-Diskurse in der Zeitschrift Sowjet 361
und Vergewaltigung der Frau beruhen. Er sieht in der kommunistischen Revolu-
tion ein wirksames Werkzeug gegen die patriarchalische Gesellschaftsordnung.
Frauenemanzipatorische Elemente des Kommunismus, insbesondere dessen
Leistungen in den Bereichen des täglichen Lebens, wird auch die politisch aktive
russische Schriftstellerin Aleksandra Kollontaj einige Hefte später im Sowjet aus-
führlich darlegen. In ihrem zweiteiligen Artikel „Die Familie und der kommu-
nistische Staat“40 erläutert sie den historisch-kulturellen Wandel der Familie von
der patriarchalischen Großfamilie bis hin zur Utopie der Arbeiterfamilie, in der
sich beide Geschlechter, von staatlicher Seite unterstützt, die Aufgaben teilen.
Im Arbeiterstaat können die Geschlechter einander gleichberechtigt begegnen,
in der Kommune ist die Frau nicht mehr von einem Mann abhängig, sondern
durch ihre Erwerbsarbeit autonom und nicht mehr an die Ehe als finanzielle
Notwendigkeit und unauflösbare Gegebenheit gebunden.
Während Kollontaj ihre revolutionären Gesellschaftsentwürfe vor allem
im Bereich der Gleichstellung von Frauen zum Teil auch tatsächlich umset-
zen konnte – unter Lenin erwirkt sie, von November 1917 bis Oktober 1918
als Volkskommissarin für soziale Fürsorge, Reformen im Eherecht und Ver-
besserungen im Mutterschutz –, bleiben die sozialen Visionen von Gross reine
Utopien. Seine radikalen Forderungen, gemäß derer der wahre Kommunist, ver-
sehen mit einer „revolutionären Menschheitsseele“,41 keinerlei Machtstrukturen
anerkennen könne, verweisen auf eine transzendente Dimension des Kommu-
nismus und dessen Erlösungsgedanken, den er im biblischen „Sündenfall“ im
Buch Genesis begründet sieht:
Die Genesis verkündet den Eintritt dieser Erlösung durch eine innere Erhebung der
Frau. Die Frau wird demselben bösen Prinzip den Kopf zertreten, durch welches einst
die ungeheure Verirrung in die Welt gekommen ist:
dem Machtprinzip in allen mensch-
lichen Beziehungen zum Gleichgewicht des ewigen Ringens um Macht, zur kalten Ruhe
von Recht und Pflicht erstarrt, dem unfruchtbaren Prinzip der Autorität.42
Die Bezugnahme auf das Christentum findet sich auch in Lev Tolstojs Perspek-
tive auf den Kommunismus, der sein Verständnis eines Lebens in Liebe und
Gerechtigkeit allerdings aus der Bergpredigt im Neuen Testament herleitet. Er
40 Alexandra Kollontay: Die Familie und der kommunistische Staat. In: Sowjet,
H. 8–9/1920, S. 43–52, und H. 10–11/1920, S.
45–50.
41 Otto Groß [d.i. Otto Gross]:
Orientierung der Geistigen. In:
Sowjet, H.
5/1919, S.
1–5,
zit. S. 3.
42 Ders.:
Die kommunistische Grundidee in der Paradiessymbolik. In:
Sowjet, H.
2/1919,
S. 12–27, zit. S. 25.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur