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Veronika
Hofeneder366
Obgleich kommunistischem Gedankengut verpflichtet, verzichtet Kaus hier
auf extreme politische Positionierungen und erteilt mit dem Ende ihrer Erzäh-
lung radikalen Ideologien eine klare Absage: Der Proletarier Alois wird wohl
als „neuer Mensch“, der mit Freude seiner Arbeit zum Nutzen der Allgemein-
heit nachgeht, eingeführt, wendet sich allerdings durch den Kontakt mit der
kapitalistischen Welt bürgerlichen Wertvorstellungen zu. Er erkennt, dass er
seine reformistischen Ideen als einfacher Arbeiter nicht umsetzen kann. Kaus
positioniert sich mit dieser Entschärfung politisch in der Nähe der gemäßig-
teren Sozialdemokraten, die durch Sozialgesetze und Reformbestrebungen die
revolutionäre Stimmung in der Arbeiterschaft nach 1918 zu beruhigen suchen59
und die deshalb in den ersten Sowjet-Nummern Ziel heftiger verbaler Attacken
gewesen sind.
Gina Kaus, die in ihren früheren Essays noch die bedingungslose Revolu-
tion mit der anschließenden Diktatur des Proletariats postulierte, steht diesen
radikalen Positionen auf literarischer Ebene nunmehr reserviert gegenüber.
Kritik an Kapitalismus und Bürgertum formuliert sie anhand der Figur des
Fabrikanten Kühne, der als typischer Bourgeois gezeichnet ist: Immer auf sei-
nen geschäftlichen Vorteil bedacht, weiß er die Politiker zu beeinflussen und
die bestehenden Gesetze zu seinen Gunsten auszulegen. Seine Sozialreformen
entspringen keineswegs sozialem Interesse, sondern dienen ausschließlich der
Profit-Maximierung:
Die Kinderarbeit etwa lehnt er ab, weil die Jugend dadurch
in ihrer Entwicklung zurückbleibe und später ein leistungsschwaches Proleta-
riat abgebe.60 Kühne kann außerdem als literarisches Porträt von Gina Kaus’
Adoptivvater und Gönner Josef Kranz gelten. Beide sind durch die industrielle
Ausbeutung Bosniens reich geworden und treten als Kunstsammler mit einem
philiströsen Kunstverständnis auf.61 Das Kunstinteresse des Fabrikantenehe-
paars ist rein materiell motiviert, der Ankauf des Altars von Riemenschneider
59 Vgl. Ernst Bruckmüller: Sozialstruktur und Sozialpolitik. In: Weinzierl/Skalnik,
Österreich 1918–1938, S. 420–425; Ernst Hanisch: Der lange Schatten des Staates.
Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20.
Jahrhundert [1994]. Wien:
Ueberreu-
ter 2005, S. 275f.
60 Vgl. Beate Berkel: Gina Kaus. Frühe publizistische Arbeiten. Diplomarbeit Univ.
Münster 1988, Ts., S. 20f.
61 In ihrer Autobiographie kritisiert Kaus Kranz’ egozentrisches Verständnis als Kunst-
mäzen, der einerseits aus Eitelkeit und dem Prestige als Literaturförderer eine zeitge-
nössische Zeitschrift finanziere, die seinen politischen Anschauungen widerspreche,
andererseits aber keine modernen Maler unterstütze, weil deren Bilder nicht seinen
Geschmack träfen (vgl. Kaus, Von Wien, S. 41).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur