Page - 381 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Russische Literatur in der Roten Fahne 381
sowie Babel’s spezifische Technik des ornamentalen, an der mündlichen Rede
orientierten Erzählens als formale Komplexion, die wohl dafür (mit-)verant-
wortlich sind, dass gerade diese Texte immer wieder aufs Neue literaturwissen-
schaftlich in den Blick genommen worden sind,45 bleiben in den Geschenktipps
der Roten Fahne – nicht weiter überraschend – ausgeblendet.46
Eine solche Unifizierung semantischer Polyvalenz ist natürlich auch dem
Medium Tageszeitung geschuldet, korrespondiert aber zudem mit dem ab Mitte
der 1920er Jahre wieder stärker artikulierten Herrschaftsanspruch der Partei
über den Bereich der Kultur. Ein Beleg dafür ist der am 2. Dezember veröffent-
lichte Bericht „Über neue Kunst und Wissenschaft in Sowjetrußand“, der eine
Rede von Anatolij Lunačarskij, dem Volkskommissar für Bildung, zur neuen
revolutionären Kunst und Wissenschaft zum Gegenstand hat.47 Unter Beru-
fung auf Lenin fordert Lunačarskij hier die Übernahme der bürgerlichen Kul-
tur durch das Proletariat als maßgebenden Schritt in Richtung einer eigenen
proletarischen Kunst. Wenn in diesem Zusammenhang erwähnt wird, dass die
kommunistische Partei Russlands die leninistische Linie in Fragen der Literatur
vorgezeichnet habe, so ist die spätere „Verstaatlichung der Literatur“, wie Hans
Günther diese monopolisierenden Tendenzen bezeichnet hat, hier bereits im
Ansatz erkennbar.48
In:
Russkaja literatura, Nr.
3/2004, S.
211–220; Ju. Parsamov/D. Fel’dman:
Grani skan-
dala:
cykl novell I.
Babelja „Konarmija“ v literaturno-političeskom kontekste 1920-ch
godov. In:
Voprosy literatury, Nr.
6/2011, S.
229–286; zur Aufnahme der Texte Babel’s
beim zeitgenössischen russischen Lesepublikm vgl. Grigorij Frejdin:
Revoljucija kak
ėstetičeskij fenomen. S očkami Nicše na nosu i osen’ju v serdce u russkich čitatelej
Isaaka Babelja (1923–1932). In:
Novoe literaturnoe obozrenie, Nr.
4/1993, S.
228–242.
45 Vgl. beispielhaft: Marc Schreurs: Two Forms of Montage in Babel’s „Konarmija“.
In:
Russian Literature, Nr.
2/1987, S.
243–292; Wolf Schmid:
Ornamentales Erzählen
in der russischen Moderne:
Čechov
– Babel’
– Zamjatin. Frankfurt a.M.:
Peter Lang
1992, S.
135–154.
46 Als weiteres Element des kulturpolitisch-ideologischen Diskurses, das an den
Geschenkvorschlägen der Roten Fahne ablesbar ist, firmiert die Ablehnung der Tra-
dition zugunsten der Gegenwart. Neverovs literarische Darstellung von Arbeitern
und Bauern wird gegen die „sogenannte“ klassische Literatur gehalten, die schon
alleine durch diesen Zusatz in ihrem Rang relativiert wird:
„Dostojewskische Mystik“
und „Tolstoianischer Passivismus“ bilden die negative Hintergrundfolie für Neverovs
positiv gewertete Erzählungen.
47 N.N.:
Ueber neue Kunst und Wissenschaft in Sowjetrußland. In:
RF (2.12.1925), S.
2.
48 Hans Günther: Die Verstaatlichung der Literatur: Entstehung und Funktionsweise
des sozialistisch-realistischen Kanons in der sowjetischen Literatur der 30-er Jahre.
Stuttgart: Metzler 1984.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur