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Stefan
Simonek382
3 Die Rote Fahne im April 1930
Am 14. April 1930 nahm sich Vladimir Majakovskij in Moskau im Alter von
37 Jahren das Leben. Das Liebesboot (um eine bekannte Majakovskij’sche Zeile
zu zitieren) war am Alltag zerschellt: „ljubovnaja lodka razbilas’ o byt“.49 Dieser
auch in der Sowjetunion weithin beachtete Freitod eines Autors,50 der sich nach
seinen futuristischen Anfängen in den 1910er Jahren späterhin ganz bewusst
in den Dienst einer funktionalen, den sozialen Auftrag der Partei immer mit-
reflektierenden Ästhetik gestellt hatte, fand auch auf den Seiten der Roten Fahne
entsprechende Resonanz. Die Ambivalenzen und inneren Konflikte, die Maja-
kovskijs Entscheidung zugrunde lagen (und wohl auch mit ein Grund für den
Selbstmord gewesen sind), blieben dabei jedoch im Zeichen der Parteilinie
geflissentlich ausgeblendet.
Die Rote Fahne reagierte auf den Freitod am 18. April 1930 mit dem aus-
führlichen, beinahe eine gesamte Druckspalte umfassenden Nachruf „Wladimir
Majakowskis Ende“. Der mit dem Akronym „Biha“ gezeichnete Beitrag stammt
aus der Feder des aus Belgrad gebürtigen und als Redakteur für die Linkskurve
tätigen Literatur- und Kunstkritikers Oto Bihalji-Merin. Majakovskij wird hierin
eingangs als einer der begabtesten Dichter der Sowjetunion gewürdigt, dessen
Schaffen freilich mit einem „leerlaufenden Mechanismus“ verglichen wird. Der
Verfasser des Nachrufs belegt seine literaturgeschichtliche Kompetenz durch
Verweise auf Guillaume Apollinaire und Filippo T. Marinetti sowie Kubis-
mus und Futurismus, die Majakovskijs künstlerische Anfänge im Zeichen des
sprachlichen Experiments mitgeprägt hätten. Dessen ungeachtet habe unter der
Maske scheinrevolutionärer Gestalt die Ideenwelt eines radikalen Kleinbürgers
weitergelebt, der letztlich nicht an den neuen Daseinsinhalt der siegreichen
Arbeiterklasse Anschluss finden habe können. Zudem werden die ideologischen
Positionierungen Majakovskijs zu jenen von Aleksandr Blok und Sergej Esenin
in Relation gesetzt. Der proletarische Dichter Dem’jan Bednyj findet als positi-
ves Gegenbeispiel zu Majakovskij Erwähnung: Majakovskij nämlich habe seine
kleinbürgerlich-radikale Poesie nicht im Zeichen des sozialistischen Aufbaus
umwerten können und sei daher „den Weg vieler haltloser Nihilisten und klein-
bürgerlicher Nachtwandler der Poesie gegangen“.51
49 V[ladimir] V. Majakovskij:
Izbrannye sočinenija v dvuch tomach, t.
2. Moskva:
Chu-
dožestvennaja literatura 1981, S. 349.
50 Zu Majakovskijs Begräbnis als Massenspektakel vgl. Kissel, Kult des toten Dichters,
S. 161–173.
51 Biha: Wladimir Majakowskis Ende. In: RF (18.4.1930), S. 4.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur