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Stefan
Simonek384
enthaltene Hinweis auf die Kommunisten wohl vor allem die tiefen ideologi-
schen Gräben zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und der KPÖ
wieder.
Die Neue Freie Presse verkündete am 14. April gleichfalls die Todesnachricht
und würdigte Majakovskij dabei immerhin als eine der stärksten Hoffnungen
der jungen russischen Dichtergeneration. Auch wurde darauf hingewiesen, dass
der Dichter ähnlich wie Dmitrij Furmanov und der ehemalige Imaginist Anatolij
Mariengof sein Schaffen vorwiegend in den Dienst der bolschewistischen Agita-
tion gestellt habe.57 Anders als in der Arbeiter-Zeitung-Notiz werden hier zudem
einzelne Werke Majakovskijs angeführt, namentlich die Dichtungen Krieg und
Frieden (russ. Vojna i mir) und das Buch über Lenin (Vladimir Il’ič Lenin), die
auch außerhalb Russlands bekannt geworden seien,58 und – wie auch im Nach-
ruf in der Roten Fahne
– die Komödie Banja, hier unter dem Titel Dampfbad als
satirische Phantasmagorie charakterisiert. Das publizistische Organ des libera-
len Bürgertums brachte für den verstorbenen russischen Dichter also ungeachtet
dessen politischer Orientierung größere Sympathien auf als die Zeitungen der
österreichischen Sozialdemokratie beziehungsweise der Kommunistischen Par-
tei Österreichs.59
Neben der intensiven Berichterstattung zum Ableben Vladimir Majakovskijs
hält der April 1930 in der Roten Fahne noch einige weitere Zeugnisse für die
Rezeption russischer Kultur bereit, auf die hier abschließend noch kurz hin-
gewiesen sei: In der Sonntagsbeilage vom 6. April findet sich unter dem Titel
57 N.N.: Selbstmord des russischen Dichters Majakowsky. In: Neue Freie Presse
(15.4.1930), S. 8.
58 Majakovskijs Poem Vojna i mir wurde in der Übertragung von Yvan Goll unter dem
Titel Der Krieg und die Welt 1921, das Poem Vladimir Il’ič Lenin unter dem Titel Lenin
in der Übertragung von Reinhold v.
Walter ebenfalls auszugsweise 1927 veröffentlicht
(vgl. Loew/Tschistowa, Majakowski, S. 127f.). Die Titelvarianten Der Krieg und die
Welt sowie Krieg und Frieden für Vojna i mir resultieren aus der doppelten Bedeutung
des russischen Lexems „mir“.
59 Zur Rezeption Majakovskijs in Österreich vgl. Johann Holzner:
Majakowskij in Öster-
reich. In: Alexandr W. Belobratow/Alexej I. Žerebin (Hgg.): Dostojewskij und die
russische Literatur in Österreich seit der Jahrhundertwende (Literatur, Theater). St.
Petersburg: Fantakt 1994 (= Jahrbuch der Österreich-Bibliothek in St. Petersburg
1/1994), S.
117–130. Holzner erwähnt die Nekrologe in der Neuen Freien Presse und
in der deutschen Roten Fahne (vgl. ebd., S.
118). Eine Auflistung von weiteren Nekro-
logen aus dem Jahr 1930 findet sich bei:
Loew/Tschistowa, Majakowski, S. 115f.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur