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Martin
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geführte Verlage beheimatete, die im Auftrag des Moskauer Lenin-Instituts
unter anderem die Programmzeitschrift Arbeiter-Literatur und eine zuvor für
die Veröffentlichung im Malik-Verlag vorgesehene Auswahl der Werke Lenins
erstmalig in deutscher Übersetzung publizierten,4 standen die KPÖ und ihr Zen-
tralorgan, Die Rote Fahne, stets im Schatten der KPD, die vor Hitlers Macht-
übernahme zur drittstärksten Kraft in der Weimarer Republik aufsteigen sollte
und einen bedeutenden publizistischen Apparat ihr Eigen nennen konnte. Die
von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründete Berliner Rote Fahne blieb
mit einer Auflage von über 130.000 Stück 1932 zwar deutlich hinter der sozial-
demokratischen Presse zurück, erreichte aber auch wegen ihres Feuilletons hohe
Visibilität. Zudem verfügte die Bewegung mit Willi Münzenberg über einen der
maßgeblichen zeitgenössischen Verleger, der unter anderen die Blätter Arbeiter
Illustrierte Zeitung, Welt am Abend und Berlin am Morgen herausgab.5
Die Wiener Rote Fahne hingegen kämpfte bis Anfang der 1930er Jahre stets
ums Überleben. Zunächst als Der Weckruf und ab Mitte Jänner 1919 als Die
Soziale Revolution zweimal wöchentlich erschienen und im Jahresverlauf 1919
als Die Rote Fahne zur Tageszeitung ausgebaut, profitierte das Parteiblatt zumin-
dest bis Mitte der 1920er Jahre von der direkten finanziellen Unterstützung
durch die Kommunistische Internationale. Zudem griffen ab 1921 verschiedene
KPD-Funktionäre den Wiener Kommunisten verstärkt unter die Arme, was
außer- wie innerparteilich für Diskussionen um die Eigenständigkeit der KPÖ
4 Hervorzuheben sind der Verlag für Literatur und Politik, der Werke neben ideo-
logischen Schriften von Marx, Engels, Lenin, Trockij, Stalin und andere auch John
Reeds 10 Tage, die die Welt erschütterten und Fёdor Gladkovs Zement und Neue
Erde abdruckte und die Reihe „Marxistische Bibliothek“ führte, sowie der stärker
auf Belletristik ausgerichtete Agis-Verlag, der unter anderen F.
C. Weiskopfs Ein Sol-
dat der Revolution und Maria Leitners Eine Frau reist um die Welt veröffentlichte;
vgl. Georges Wertheim: Die Odyssee eines Verlegers. In memoriam Dr. Johannes
Wertheim (1888–1942). In:
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands
(Hg.): Jahrbuch 1996: Schwerpunkt Biographische Studien zu Widerstand, Verfol-
gung und Exil. Wien: DÖW 1996, S. 204–229.
5 Vgl. z.B. Bärbel Schrader:
Willi Münzenbergs Verlags- und Pressearbeit für die inter-
nationale Arbeiterbewegung. In: Weimarer Beiträge, H. 8/1989, S. 1261–1276, bs.
S. 1269–1274; Dieter Schiller: Heran an die Massen! oder Lesen ist Parteipflicht.
Kritische Betrachtungen zum Feuilleton der „Roten Fahne“ Berlin 1920–1932. Ber-
lin: Rosa-Luxemburg-Stiftung 2014 (= Helle Panke, Pankower Vorträge, H. 192),
S.
56–58; ders.:
Münzenberg und die Intellektuellen. Die Jahre in der Weimarer Repu-
blik 1921–1933. Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung 2014 (= Helle Panke, Pankower
Vorträge, H. 193).
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur