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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 393
Du Schriftstellerin bist, eine ganz harmlose Person …“ Rasch machen Gerüchte
die Runde, die neben Neugier sowohl Sympathie als auch harsche Ablehnung
hervorrufen. Insbesondere eine als Klassenfeindin dienende Gutbürgerliche,
eingeführt als „die Kontessa [sic]“, sieht in der Ich-Erzählerin eine „russische
Spionin“. Dass es sich bloß um ein „armes Mädchen, das man eingeladen hat,
damit es sich einmal sattißt und Luft schnappt“, handeln könnte, wischt sie aus
zweierlei Gründen vom Tisch. Nicht nur, dass eine Proletarierin hier nichts ver-
loren habe, es sei generell undenkbar, dass sie bloß Erholung suche. „Unschäd-
lich! Wenn man aus Sowjetrußland kommt!“22
Der zweite Text ist in gänzlich anderem Milieu situiert, schlägt aber in die-
selbe Kerbe. Bei einer Dienststellenversammlung am Straßenbahnhof Wien-
Ost meldet sich der bisher unauffällige junge Elektriker Karl Novotny zu Wort,
um betont naiv von seiner Begegnung mit russischen Straßenbahnern, die er
als Teilnehmer der Spartakiade23 getroffen hat, zu berichten. „[U]
nd wir sollen,
wenn ein Krieg kommt, nicht mittun, sondern zu ihnen halten und sie lassen
schön grüßen.“ Der Bericht führt unmittelbar zu seinem Verweis, hat die Ams-
terdamer Internationale doch die Teilnahme an Sportdelegationen in der Sow-
jetunion verboten. Tumultartige Diskussionen bleiben ergebnislos, ebenso der
ausführlichere Bericht Novotnys, dessen dialektale Färbung in Kontrast zu den
kühlen Worten des Vorsitzenden, der ihm kommunistische Propagandametho-
den vorwirft, zur Klärung der Sympathiefrage beiträgt: „Dös ist net wahr […],
ich hab’ nur von der russischen Straßenbahn erzählt […] [u]nd daß es mir gut
g’fallen hat, hab’ ich erzählt, und man soll nicht auf alles glauben, was man zu
hören bekommt, das hab’ ich g’sagt. Aber kommunistische Propaganda hab’ ich
keine net g’macht!“24 Das – sozialdemokratische – System bleibt unerbittlich.
Novotny wird aus dem Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich
(ASKÖ) und der Gewerkschaft ausgeschlossen und in den Außendienst versetzt,
was mit empfindlichen Gehaltseinbußen einhergeht. Nur zwei Tage später stirbt
er bei einem Arbeitsunfall.25
22 Dies.: Sie waren in Sowjetrußland? In: RF (6.10.1929), S. 5.
23 Die Spartakiade diente als sozialistischer Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen
und fand erstmals 1928 in Oslo und Moskau statt; vgl. N.N.: Die Spartakiade der
Union und die proletarische Körperkultur. In: RF (7.7.1928), S. 6.
24 Lili Körber: „Ich bringe euch Grüße von den Russen.“ In:
RF (1.12.1929), S. 5.
25 Ein ähnliches Schicksal erleiden die als „Agenten Moskaus“ diffamierten Textilarbei-
ter in Körbers Erzählung Fieberträume (in: RF (12.1.1930), S. 6), die für ihr prorus-
sisches Engagement zunächst den Rückhalt der Gewerkschaft und dann auch ihre
Stellung verlieren.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur