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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Russland-Diskurse im Feuilleton der Roten Fahne 393 Du Schriftstellerin bist, eine ganz harmlose Person …“ Rasch machen Gerüchte die Runde, die neben Neugier sowohl Sympathie als auch harsche Ablehnung hervorrufen. Insbesondere eine als Klassenfeindin dienende Gutbürgerliche, eingeführt als „die Kontessa [sic]“, sieht in der Ich-Erzählerin eine „russische Spionin“. Dass es sich bloß um ein „armes Mädchen, das man eingeladen hat, damit es sich einmal sattißt und Luft schnappt“, handeln könnte, wischt sie aus zweierlei Gründen vom Tisch. Nicht nur, dass eine Proletarierin hier nichts ver- loren habe, es sei generell undenkbar, dass sie bloß Erholung suche. „Unschäd- lich! Wenn man aus Sowjetrußland kommt!“22 Der zweite Text ist in gänzlich anderem Milieu situiert, schlägt aber in die- selbe Kerbe. Bei einer Dienststellenversammlung am Straßenbahnhof Wien- Ost meldet sich der bisher unauffällige junge Elektriker Karl Novotny zu Wort, um betont naiv von seiner Begegnung mit russischen Straßenbahnern, die er als Teilnehmer der Spartakiade23 getroffen hat, zu berichten. „[U] nd wir sollen, wenn ein Krieg kommt, nicht mittun, sondern zu ihnen halten und sie lassen schön grüßen.“ Der Bericht führt unmittelbar zu seinem Verweis, hat die Ams- terdamer Internationale doch die Teilnahme an Sportdelegationen in der Sow- jetunion verboten. Tumultartige Diskussionen bleiben ergebnislos, ebenso der ausführlichere Bericht Novotnys, dessen dialektale Färbung in Kontrast zu den kühlen Worten des Vorsitzenden, der ihm kommunistische Propagandametho- den vorwirft, zur Klärung der Sympathiefrage beiträgt:  „Dös ist net wahr […], ich hab’ nur von der russischen Straßenbahn erzählt […] [u]nd daß es mir gut g’fallen hat, hab’ ich erzählt, und man soll nicht auf alles glauben, was man zu hören bekommt, das hab’ ich g’sagt. Aber kommunistische Propaganda hab’ ich keine net g’macht!“24 Das  – sozialdemokratische  – System bleibt unerbittlich. Novotny wird aus dem Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich (ASKÖ) und der Gewerkschaft ausgeschlossen und in den Außendienst versetzt, was mit empfindlichen Gehaltseinbußen einhergeht. Nur zwei Tage später stirbt er bei einem Arbeitsunfall.25 22 Dies.:  Sie waren in Sowjetrußland? In:  RF (6.10.1929), S.  5. 23 Die Spartakiade diente als sozialistischer Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen und fand erstmals 1928 in Oslo und Moskau statt; vgl. N.N.:  Die Spartakiade der Union und die proletarische Körperkultur. In:  RF (7.7.1928), S.  6. 24 Lili Körber:  „Ich bringe euch Grüße von den Russen.“ In:  RF (1.12.1929), S.  5. 25 Ein ähnliches Schicksal erleiden die als „Agenten Moskaus“ diffamierten Textilarbei- ter in Körbers Erzählung Fieberträume (in:  RF (12.1.1930), S.  6), die für ihr prorus- sisches Engagement zunächst den Rückhalt der Gewerkschaft und dann auch ihre Stellung verlieren.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Title
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Subtitle
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Author
Primus-Heinz Kucher
Editor
Rebecca Unterberger
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Size
14.8 x 21.0 cm
Pages
466
Category
Kunst und Kultur
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