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Martin
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Fläche Erde frei, frei von allen Schmarotzern und Blutsaugern; von den kapita-
listischen Profithyänen.“34
2 „Hier ist alles entweder vorgestrig oder schon von
übermorgen“35 – Reiseberichte aus Sowjetrussland
Der von Maier formulierte Wunsch, den „grandiosen Fünfjahrplan ganz von der
Nähe zu sehen“,36 ließ sich durch diese Reise erfüllen; in der Presse erreichte
die Anzahl an Berichten aus der Sowjetunion Ende der Zwanziger ihren Höhe-
punkt – und das nicht nur im linken Spektrum. Hervorzuheben für die Wiener
Publizistik ist Stefan Zweigs in sechs Teilen in der Neuen Freien Presse im Herbst
1928 abgedruckter Bericht „Reise nach Rußland“, der abseits des wirtschaftlichen
Aufbaus das kulturelle Leben in der Sowjetunion zeigt.37 Wenig überraschend
wurde die unvoreingenommen positive Haltung des bürgerlichen Schriftstel-
lers in der Roten Fahne überaus wohlwollend aufgenommen und der Text in
gekürzter Form neuerlich abgedruckt. Der abschließende Kommentar Zweigs
erfuhr dabei, anders als im Original, eine Hervorhebung: „Als entscheidender
Eindruck bleibt: wir haben alle unbewußt oder bewußt an Rußland ein Unrecht
getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, Nichtgenug-
gerechtsein.“38
Dieses impliziten Auftrags nahm sich die Rote Fahne an und gestaltete das
Feuilleton zunehmend als Surrogat für Russlandreisen. Begünstigt wurde die
Präsentation sowjetrussischer Realitäten Ende der Zwanziger nicht zuletzt
durch entsprechende organisatorische Unterstützung aus Moskau selbst. Blie-
ben die Kommunisten in der 1925 gegründeten Österreichischen Gesellschaft
zur Förderung der geistigen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der UdSSR,
die eng mit der Moskauer Gesellschaft für kulturelle Verbindung der UdSSR
mit dem Ausland (VOKS) kooperierte, stark unterrepräsentiert, so sollte der
1929 nach Berliner Vorbild geschaffene Bund der Freunde der Sowjetunion als
34 Ebd.
35 Otto Heller: Fahrt durch die Sowjetunion. In: RF (17.8.1930), S. 7
36 Hans Maier: Unsere Reise ins Land der Towarischi. In: RF (4.1.1931), S.
7.
37 Vgl. Julia Köstenberger: „Ich bin glücklich alles gesehen zu haben …“ – Stefan
Zweig bei den Tolstoj-Feierlichkeiten in der UdSSR 1928. In: Verena Moritz u.a.
(Hgg.): Gegenwelten. Aspekte der österreichisch-sowjetischen Beziehungen 1918–
1938. St. Pölten: Residenz 2013, S.
261–274.
38 Stefan Zweig: Reise nach Rußland. In: RF (11.1.1928), S. 10f., zit. S. 11.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur