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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 409
ohne Furcht sprechen. Wenn Du Dich nur durch Dein Gewissen leiten läßt!“
Der Protopope, eine Leitfigur für die Bewegung der sogenannten Altgläubigen,
hat sich gegen die Neuerungen der orthodoxen Staatskirche starkgemacht und
ist dafür als Ketzer an die Eismeerküste verbannt worden. Dort schrieb er in den
Jahren 1672/73 an seinen Lebenserinnerungen, die als erste russische Autobio-
graphie gelten.16
Rachmanowa, die ebenfalls Altgläubige gewesen ist, scheint sich mit ihrem
Schreiben gegen die an die Macht gekommenen Bolschewiki in der Nachfolge
von Awwakum gesehen zu haben. Gewiss dürfen ihre Bücher nicht als histori-
sche Dokumente gelesen, aber auch nicht als bloße Fiktion abgetan werden. Das
Erlebte, das Faktuale, ist auf dem Weg von den russischen Notizen der Autorin bis
hin zum druckfertigen Buch stark nachbearbeitet worden, sodass die veröffent-
lichten Tagebücher Rachmanowas als ein Paradebeispiel für die Vermengung von
faktualem und fiktionalem Erzählen einzuschätzen sind. Sie sind eine poetische,
subjektive Verarbeitung des Erlebten, für die die Bezeichnung „fiktionalisierte
Autobiographie“ gut geeignet zu sein scheint. Wurde bereits Autobiographie als
„das subjektive Zentrum der ästhetischen Organisation lebensgeschichtlichen
Wissens“17 beschrieben, so zeichnet sich die fiktionalisierte Autobiographie
durch die „Literarisierung“ aus, das heißt die „Übernahme, Variation und ana-
logische Nachbildung fiktionaler Darstellungstechniken“.18 Strategien der „Lite-
rarisierung“, aber vor allem das von Rachmanowa entworfene Russlandbild sind
Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen.
2 Literarisierung der Revolution von 1917
In ihren Werken zeichnet Rachmanowa ein Russlandbild vor dem Hintergrund
der Revolution von 1917: Umverteilung der Machtverhältnisse, Anarchie, Zer-
störung, Religionsbekämpfung, Verfolgung, Deportation und Mord bilden
die Thematik ihrer Bücher. Die historischen Ereignisse – den Sturz des Zaren,
die Machtergreifung durch die Bolschewiken und die damit einhergehenden
16 Vgl. Peter Hauptmann:
Altrussischer Glaube. Der Kampf des Protopopen Avvakum
gegen die Kirchenreformen des 17. Jahrhunderts. Göttingen: Vandenhoeck & Rup-
recht 1963, S. 8f.
17 Peter Sloterdijk:
Literatur und Organisation von Lebenserfahrung. Autobiographien
der Zwanziger Jahre. München: Hanser 1978, S.
5f.
18 Klaus-Detlef Müller:
Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobio-
graphie der Goethezeit. Tübingen:
Niemeyer 1976 (= Studien zur deutschen Literatur,
Bd. 46), S. 339.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur