Page - 415 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 415
verführt. Während Griselda als charismatische Rednerin dargestellt wird, die
mit Worten die Massen hypnotisieren und auf Gewalt programmieren kann,
begegnet man im zweiten Band, Ehen im roten Sturm, der Studentin Babkina,
die ideologisch so stark indoktriniert ist, dass ihre Persönlichkeit allmählich ver-
loren gegangen ist:
Wenn ich sie nur sehe, bekomme ich beinahe physische Schmerzen. Eine ausgetrock-
nete Stange, ein grober zerzauster Kopf und ein leeres Gesicht mit wässrigen Albino-
Augen. Ihren Körper hat sie in eine Männerbluse, in einen Rock aus Soldatenstoff und
in Soldatenstiefel gesteckt. Sie kennt nur eines auf dieser Welt: die Partei. […] Für sie
gibt es nicht den Begriff Mensch; für sie gibt es nur Proletarier und Burshui. Nur die
ersten haben ein Recht zu leben, aber auch da eigentlich nur, wenn sie zugleich Kom-
munisten sind.26
Ähnlich wie der Verfall des äußerlichen Erscheinungsbildes bei Babkina
ihren politischen Fanatismus einleitet, ist auch Griselda Nikolajewna bald
zur Unkenntlichkeit verändert. Interessant ist dabei, dass in beiden Fällen das
Feminine durch Attribute des Maskulinen ersetzt wird. Im Fall Griseldas findet
sogar ein äußerlicher Geschlechtswechsel statt. „Sie trägt Männerkleidung und
hat sich einen kleinen Schnurrbart und einen schmalen Spitzbart aufgeklebt“
[265]. Diese Travestie, das inszenierte männliche Äußere, ist nicht unwesent-
lich im Hinblick auf ihre Gewaltobsession. Sie übt Gewalt nicht als Frau, son-
dern als Mann aus. Alles Weibliche an sich scheint sie ausgelöscht zu haben.
Das veränderte Äußere der beiden Frauenfiguren kann als Ausdruck ihrer bol-
schewistischen Überzeugungen und damit als Beweis für die Verbreitung der
bolschewistischen Ideologie gedeutet werden. Da Frauen den Bolschewiken als
Schlüssel zur Veränderung der Gesellschaft im Zeichen des „Neuen Menschen“
gegolten haben,27 ist die Figurenkonzeption von Griselda Nikolajewna vor allem
auch unter solch politisch-ideologischen Aspekten zu analysieren.
Nach einer knapp zweijährigen Abwesenheit taucht die Gewalttätige in der
Stadt auf, auch um sich mit Alja zu treffen. Die mittlerweile politisch verfolgte,
gehetzte und psychisch zerrüttete Griselda sieht in ihrer ehemaligen Kommilito-
nin die einzige Vertraute, der sie ihre Verbrechen beichten will:
Ich mußte mit jemandem sprechen, und da erinnerte ich mich an Sie. Mir scheint es, als
ob ich manchmal den Verstand verlieren würde. Abends höre ich immer irgendwelche
Stimmen und Seufzer. Ich habe in der letzten Zeit zu viele getötet! Ich bin müde vom
26 Alja Rachmanowa: Ehen im roten Sturm. Tagebuch einer russischen Frau. Salz-
burg: Verlag Anton Pustet 1932, S. 245.
27 Vgl. Baberowski, Der rote Terror, S. 106.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur