Page - 417 - in Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 417
Vier Soldaten schlugen nun in die Erde einen zugespitzten Pfahl. Zwei packten den Sta-
retz, hoben ihn empor und setzten ihn dann mit aller Macht auf die Spitze, daß sie tief
in den Leib drang.
„Nein, halt, nicht so!“ brüllte Gorbunow. „Fester, der Pfahl muß ihm bis in den Magen
gehen!“
Da packten sie ihn wieder, hoben ihn empor und stießen ihn wieder mit voller Wucht
nieder. So taten sie noch einige Male, bis Gorbunow befriedigt war. Keinen einzigen
Schrei hat der Staretz ausgestoßen, nur ganz leise hat er geseufzt.
„Nu, wenn du ein Heiliger bist und wenn dein Gott wirklich ist“, schrie Gorbunow,
„warum hilft er dir denn nicht?“ […]
Am Tage ließ Gorbunow den Popen mit seiner Familie vor die Leiche des Staretz führen.
Er wollte seinen Beweis, daß es keinen Gott gäbe, weiter führen. Der Geistliche und
seine Frau wurden gebunden und auf eine Bank vor dem Pfahl gesetzt. Dann brachte
man ihre Kinder, einen achtjährigen Knaben und ein dreijähriges Mädchen, herbei und
erschlug sie vor den Augen der Eltern mit Kolbenhieben.
„Nu, bete, Popenschwein!“ schrie Gorbunow, der wieder schwer betrunken war. „Warum
betest du denn nicht, daß er dich rette?“
Die Mutter stieß markerschütternde Schreie aus, dann fiel sie in Ohnmacht. Nach eini-
ger Zeit band man die Eltern los und führte sie an den See. Dort packten sie die Soldaten
bei den Beinen, steckten sie mit dem Kopfe in ein Eisloch, zogen sie wieder heraus und
trieben das Spiel so lange, bis die Märtyrer kein Lebenszeichen mehr von sich gaben.
[256f.]
Nicht nur die unzähligen Toten, sondern vor allem auch die unmenschliche
Misshandlung der Leichen ist Ausdruck der entfesselten Moral und der Bar-
barei. Der Wunsch der Bolschewiken, den „Neuen Menschen“ hervorbringen
zu wollen, wird damit in Studenten, Liebe, Tscheka und Tod nachgerade konter-
kariert. In Rachmanowas Anschauung setzen die Bolschewiken ihre Herrschaft
mit Legalisierung von Gewalt und Verbreitung von Angst und Schrecken durch.
Die Durchführung von Reformen und die Erfüllung von Plänen gehen einher
mit drastischen Strafen für Andersdenkende und Unbeugsame: Ganze Dörfer
werden ausgelöscht, wenn sie sich der Kollektivierung versagen, ganze Ethnien
werden deportiert, wenn sie die Etablierung der neuen Ordnung gefährden,
Millionen von Menschen werden ihrer Freiheit beraubt, um die Verbreitung
der kommunistischen Ideologie zu sichern.28 Stefan Plaggenborg hat herausge-
arbeitet, dass der Stalinismus als „Modernisierungsdiktatur“ notwendigerweise
28 Vgl. dazu u.a.: Robert Conquest: Stalins Völkermord. Wolgadeutsche, Krimtataren,
Kaukasier [The Nation Killers; üs. v. Peter Aschner]. Wien: Europaverlag 1984; Julie
A. Cassiday: The Enemy on Trial: Early Soviet Courts on Stage and Screen. DeKalb,
IL:
Northern Illinois University Press 2000; Sergej P. Melgunov:
Krasnyj terror v Rossii
1918–1923. Berlin: OEZ-Verlag 2009.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur