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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 419 Religion sei „das Opium des Volkes“, wurde bereits von Lenin beherzigt und im methodischen Vorgehen gegen die Kirche umgesetzt. Mit dem Tod des Patriar- chen Tichon 1925 starteten die Bolschewiken einen regelrechten Feldzug gegen die Religion; zahllose Kirchengebäude wurden entweder zerstört oder für welt- liche Zwecke umgewidmet, Geistliche in Arbeitslager verbannt. Die Revolutio- näre bemächtigten sich religiöser Feste und richteten einen neuen Festkalender für die „Untertanen“ ein, indem neue Feiertage als Ersatz für religiöse zeitlich nah an diese positioniert wurden.32 Auch diese und andere Modernisierungs- schritte gingen in die Geschichte als Kulturrevolution ein. Ziel der Kulturrevolution war der „Neue Mensch“, und damit ein von der rus- sischen Intelligenzija reaktivierter „frühchristliche[r] Traum“.33 Mit seinem 2013 erschienenen Buch Der kollektive Gott hat Thomas Tetzner die Ideengeschichte des „Neuen Menschen“ in Russland vorgelegt.34 Der Mensch sollte frei, emanzi- piert und ungebunden sein, keine Zwänge kennen und als die erste und letzte Instanz des Lebens fungieren. Außerdem war der Neue Mensch „ein Kämpfer, der seinen Körper stählte, der allen Widerständen trotzte, die die Natur bereit- hielt“.35 Er sollte ein autonomer Mensch sein, der mit der Herkunft und Tradition seiner Vorfahren brach, diese zu überwinden suchte und sich jeglicher Bindung, religiöser oder familiärer, entledigte. Seine Vergangenheit sollte er vergessen, sie auslöschen und nur an seine große kommunistische Zukunft denken. So wurde der Neue Mensch für das System verfügbar, konnte überwacht, manipuliert und im Dienste des Regimes instrumentalisiert werden. Die Idee des Neuen Men- schen wurde nicht nur von Schriftstellern der Revolution wie Maksim Gor’kij, Nikolaj Černyševskij oder Aleksej Gastev enthusiastisch verbreitet, sondern vom Genetiker Valerian Murav’ёv und vom Psychotherapeuten Aron Zalkind als Arbeitsauftrag angesehen.36 Der erste Schritt zur Hervorbringung des neuen war die Zerstörung des „alten“ Menschen, die sich in Enthemmung manifestierte, in Pogromen, Plünde- rungen, Gewaltexzessen, die von Bolschewiken nicht nur geduldet, sondern als 32 Vgl. Baberowski, Der rote Terror, S.  101. 33 Ders.:  Der neue Mensch ist eine ziemlich alte Angelegenheit. In:  Frankfurter All- gemeine [18.09.2013]. Online unter:  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ rezensionen/sachbuch/thomas-tetzner-der-kollektive-gott-der-neue-mensch-ist- eine-ziemlich-alte-angelegenheit-12579863.html (letzter Zugriff:  31.08.2016). 34 Vgl. Thomas Tetzner:  Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des „Neuen Men- schen“ in Russland. Göttingen:  Wallstein Verlag 2013. 35 Baberowski, Der rote Terror, S.  97. 36 Vgl. Tetzner, Der kollektive Gott.
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Title
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Subtitle
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Author
Primus-Heinz Kucher
Editor
Rebecca Unterberger
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Size
14.8 x 21.0 cm
Pages
466
Category
Kunst und Kultur
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