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Das Russlandbild bei Alja Rachmanowa 419
Religion sei „das Opium des Volkes“, wurde bereits von Lenin beherzigt und im
methodischen Vorgehen gegen die Kirche umgesetzt. Mit dem Tod des Patriar-
chen Tichon 1925 starteten die Bolschewiken einen regelrechten Feldzug gegen
die Religion; zahllose Kirchengebäude wurden entweder zerstört oder für welt-
liche Zwecke umgewidmet, Geistliche in Arbeitslager verbannt. Die Revolutio-
näre bemächtigten sich religiöser Feste und richteten einen neuen Festkalender
für die „Untertanen“ ein, indem neue Feiertage als Ersatz für religiöse zeitlich
nah an diese positioniert wurden.32 Auch diese und andere Modernisierungs-
schritte gingen in die Geschichte als Kulturrevolution ein.
Ziel der Kulturrevolution war der „Neue Mensch“, und damit ein von der rus-
sischen Intelligenzija reaktivierter „frühchristliche[r] Traum“.33 Mit seinem 2013
erschienenen Buch Der kollektive Gott hat Thomas Tetzner die Ideengeschichte
des „Neuen Menschen“ in Russland vorgelegt.34 Der Mensch sollte frei, emanzi-
piert und ungebunden sein, keine Zwänge kennen und als die erste und letzte
Instanz des Lebens fungieren. Außerdem war der Neue Mensch „ein Kämpfer,
der seinen Körper stählte, der allen Widerständen trotzte, die die Natur bereit-
hielt“.35 Er sollte ein autonomer Mensch sein, der mit der Herkunft und Tradition
seiner Vorfahren brach, diese zu überwinden suchte und sich jeglicher Bindung,
religiöser oder familiärer, entledigte. Seine Vergangenheit sollte er vergessen, sie
auslöschen und nur an seine große kommunistische Zukunft denken. So wurde
der Neue Mensch für das System verfügbar, konnte überwacht, manipuliert und
im Dienste des Regimes instrumentalisiert werden. Die Idee des Neuen Men-
schen wurde nicht nur von Schriftstellern der Revolution wie Maksim Gor’kij,
Nikolaj Černyševskij oder Aleksej Gastev enthusiastisch verbreitet, sondern
vom Genetiker Valerian Murav’ёv und vom Psychotherapeuten Aron Zalkind
als Arbeitsauftrag angesehen.36
Der erste Schritt zur Hervorbringung des neuen war die Zerstörung des
„alten“ Menschen, die sich in Enthemmung manifestierte, in Pogromen, Plünde-
rungen, Gewaltexzessen, die von Bolschewiken nicht nur geduldet, sondern als
32 Vgl. Baberowski, Der rote Terror, S. 101.
33 Ders.: Der neue Mensch ist eine ziemlich alte Angelegenheit. In: Frankfurter All-
gemeine [18.09.2013]. Online unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/
rezensionen/sachbuch/thomas-tetzner-der-kollektive-gott-der-neue-mensch-ist-
eine-ziemlich-alte-angelegenheit-12579863.html (letzter Zugriff:
31.08.2016).
34 Vgl. Thomas Tetzner: Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des „Neuen Men-
schen“ in Russland. Göttingen: Wallstein Verlag 2013.
35 Baberowski, Der rote Terror, S. 97.
36 Vgl. Tetzner, Der kollektive Gott.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur