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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ - Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
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Natalia Blum-Barth420 Wegfall der moralischen, religiösen, autoritären Hemm-Mechanismen gefördert wurden. „Im rechtsfreien Raum, ausgestattet mit revolutionärer Legitimation, entledigten sich die Täter jeglicher Hemmungen.“37 Dies wurde nicht als Verbre- chen und Mord klassifiziert, sondern als ideologischer Kampf hingenommen. Deshalb etablierte sich das Bild vom roten Soldaten, der sich in Lebensverach- tung, Zähigkeit, Gewandtheit, Kraft und Ausdauer übte. Seine Bestimmung war zu töten und getötet zu werden:  „So schrieben sich die Bolschewiki freilich auch in das Gedächtnis der Untertanen ein:  als Männer der Gewehre, die, wo sie in Erscheinung traten, Tod und Verderben brachten.“38 Alja Rachmanowa hat in ihren Büchern bereits vor dem Zweiten Weltkrieg den Blick darauf gelenkt, wie der Mensch nicht nur Gott, sondern sich selbst ent- fremdet und in ein kontrolliertes und instrumentalisiertes Wesen verwandelt wird. Ihre Tagebuchaufzeichnungen enthalten das Psychogramm der Menschen auf bei- den Seiten des bolschewistischen Systems:  der Machthaber und der Opfer. Dabei wird der utopische Gehalt der Idee vom Neuen Menschen ohne Schwächen und Beschränkungen deutlich. Sie schildert enthemmte Menschen, die wie in Ekstase plündern, erniedrigen, töten  – „normale“ Menschen, wohlgemerkt, keine Bestien, die auch das Gewalttätige und Mörderische in ihrem Mensch-Sein vereinbaren: Bei uns wohnt ein Mensch, auf dessen Seele so viele Morde liegen! Das entsetzliche aber ist, daß er eigentlich kein Ungeheuer ist. Wenn er es wäre, wäre es weniger schrecklich. Er ist mit uns höflich, mit seiner Frau zärtlich. Nach dem Dienst sitzt er stundenlang mit ihr auf dem Sofa und hält sie zärtlich umschlungen. Dabei singt er leise irgendein melancholisches Lied. Er liebt sehr die Musik, zu den Tieren fühlt er eine wahre Leiden- schaft. Unsere Katzen trägt er stundenlang auf den Knien und streichelt sie. Geld gegen- über ist er vollständig gleichgültig, er ist beinahe arm gekleidet. […] Und doch hat er so viele Menschen getötet und unmenschlich gemartert. [305f.] Rachmanowas Bücher fokussieren das, was den Historikern mitunter ent- geht:  Emotionen und Stimmungen, Widersprüche und Dilemmata der Men- schen, die vom Bolschewismus ‚verführt‘ worden sind. Ihre Protagonisten sind nicht in Schwarz-Weiß gezeichnet, sondern als dynamische Figuren konzipiert, die jedoch in ihrer Zeit und Umgebung gefangen sind. Ihre Ich-Erzählerin ins- talliert Rachmanowa als eine Instanz der Vernunft und Moral:  Eigenschaften, die der Kommunismus dem Neuen Menschen abgenommen hat.39 Dies führte zur 37 Baberowski, Der rote Terror, S.  125. 38 Ebd., S.  98. 39 Zum veränderten Menschenbild vgl. u.a. Nicolas Werth:  Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion. In:  Stéphane Courtois, Joachim Gauck, Ehrhart Neubert (Hgg.):  Das Schwarzbuch des
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹ Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Title
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Subtitle
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
Author
Primus-Heinz Kucher
Editor
Rebecca Unterberger
Date
2019
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-631-78199-9
Size
14.8 x 21.0 cm
Pages
466
Category
Kunst und Kultur
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Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹