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Ester
Saletta432
Wiener Neuesten Nachrichten („Historie im Nachthemd und Unterhosen“32) bei-
pflichteten, gefolgt von weiteren Blättern wie der Badener Zeitung, dem Wiener
Salonblatt und anderen mehr. Nur Julius Bauer fand im Morgen lobende Worte
für die Art und Weise, in der die Komödie „mit der Weltgeschichte in frech-wit-
ziger Weise Schindluder getrieben“ habe:
„Es ist ein starkes Stück“, das nicht nur
Frivolitäten inszeniere, sondern auch das tabuisierte Thema der Homosexuali-
tät anhand der Figur des Grafen Lanskoi aufgreife. Nicht ohne Grund habe am
Ende das Publikum den Autor „wiederholt vor den Vorhang“ gerufen.33 Einen
zwiespältigen Eindruck hinterließ die Komödie dagegen auf Otto Koenig in der
Arbeiter-Zeitung, wobei dieser an das Messalina-Bild anknüpfte und eine „quä-
lende Langeweile“ ausmachte, sowie auf Otto Stoessl in der Wiener Zeitung.34
Die Neue Freie Presse dagegen äußerte sich überhaupt nicht, das Prager Tagblatt,
sonst aufmerksam das Lustspiel-Programm der Wiener Bühnen verfolgend, gab
nur einen knappen, aber wohlwollenden Kommentar zur Pariser Uraufführung
ab, und im Neuen Wiener Tagblatt hielten sich Kritik und Anerkennung in etwa
die Waage.35 Auffallend an in diesen Kritiken ist, sieht man von jener Moritz
Scheyers für das Neue Wiener Tagblatt ab, dass die Weiblichkeits- und Gender-
Images, welche die (kultur-)geschichtliche Rezeption mitgeprägt haben, entwe-
der konventionelle Sexualisierungsparameter aufriefen oder kaum ins Gewicht
fielen.
Mit Gina Kaus’ Roman Katharina die Grosse (1935) sollte sich dies, zumindest
auf der Textebene, ändern, denn die zeitgenössische Rezeption hielt sich in engen
Grenzen. Katharinas männlich-weiblich konturierte Gender-Identität zeigt sich
32 St.: Französische „Budapester“ in Wien. In: Neueste Wiener Nachrichten
(22.12.1930), S. 8.
33 Vgl. Julius Bauer: Elisabeth von Rußland. In: Der Morgen (22.12.1930), S. 4.
34 O[tto] K[oenig]:
Die lange Katharina. In:
Arbeiter-Zeitung (21.12.1930), S.
17; Otto
Stoessl:
Das Burgtheaterjahr. In:
Wiener Zeitung (5.7.1932) S.
1–2 [mit Akzent auf den
Charakter einer „Kommerzware“]. Vgl. auch:
Moritz Scheyer:
Die kleine Katharina.
In:
Neues Wiener Tagblatt (21.12.1930), S.
14 [Savoir habe „aus Katharina der Großen
eine kleine, sehr kleine Katharina gemacht“; es sei eben „nicht jedem gegeben, ein
Shaw-Stück zu machen“. Anerkennend strich Scheyer heraus, dass Katharina, „noch
ehe sie Zarin wurde, […] ihre Schwächen [hatte], ohne dadurch schwach zu wer-
den:
im Gegenteil“ und dass es auch diesen Schwächen zu danken sei, dass Katharina
eine „Überfrau“ werden konnte].
35 Vgl. Eigo: Pariser Theaterherbst. In: Prager Tagblatt (14.12.1930), S. 8: Es werde „in
höchst geistvoller und vor allem amüsanter Weise der neckische Versuch unternom-
men, die große Zarin in ihrer Jugend als ein wahres Goldherzchen zu schildern, das
sich nur aus unglücklicher Liebe in die Liebesabenteuer stürzt“.
Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Title
- Der lange Schatten des ›Roten Oktober‹
- Subtitle
- Zur Relevanz und Rezeption sowjet-russischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938
- Author
- Primus-Heinz Kucher
- Editor
- Rebecca Unterberger
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-631-78199-9
- Size
- 14.8 x 21.0 cm
- Pages
- 466
- Category
- Kunst und Kultur