Page - 275 - in Rudolf Eitelberger von Edelberg - Netzwerker der Kunstwelt
Image of the Page - 275 -
Text of the Page - 275 -
Rudolf von Eitelbergers Protektion Anselm Feuerbachs 275
erbachs ist auf die von persönlichem Interesse geprägten, kunstpolitischen Ambitionen
Eitelbergers zu kommen, die dieser mit seiner Personalentscheidung zugunsten Feuer-
bachs verfolgte : Als Direktor des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie hatte
sich Eitelberger seit 1864 unter dem Schlagwort der ›Wiener Renaissance‹ um eine
qualitative Hebung des österreichischen Kunstschaffens bemüht. Im Sinne einer Ge-
schmacksreform versuchte er, die Kunstanfertigung im gesamten Bereich der bildenden
Kunst zu beeinflussen und strebte nach einer ›Wiedergeburt‹ der von ihm favorisierten
Stilprinzipien der Antike und der Renaissance im Wiener Stadtbild. Am 23.
November
1871
– also einem Dreivierteljahr vor der Berufung Feuerbachs
– forderte Eitelberger in
einer Rede über die zeitgenössischen Kunstbestrebungen Österreichs dazu auf, Formen
und Darstellungsstile der Renaissance zum normativen Vorbild für die skulpturale und
malerische Ausschmückung der staatlichen Monumentalbauten zu verwenden. Neben
den Architekten müssten für das Gelingen der Bauwerke auch »der Bildhauer und der
Maler von den Principien und dem Geiste der Renaissance lebendig durchdrungen
sein«.15 Um seine Vorstellungen verwirklicht zu sehen, musste Eitelberger also einen
Historienmaler finden, der die von ihm propagierten Stilprinzipien in seiner künstleri-
schen Praxis aktiv vertrat.
Anhand der hier geschilderten kunstpolitischen Ambitionen Eitelbergers wird er-
kennbar, weshalb dieser bestrebt war, die Berufung Feuerbachs nach Wien durchzu-
setzen : Innerhalb der Forschung vielfach als entscheidendes Charakteristikum der
1911, Bd.
II, S.
265 f. und Feuerbach, 30.
August 1873, in : J. Allgeyer, Anselm Feuerbach. Zweite
Auflage auf Grund der zum erstenmal benützten Originalbriefe und Aufzeichnungen des Künstlers
[hg. von C. Neumann], 2
Bde. Berlin/Stuttgart 1904, Bd.
II, S.
225).
15 R. Eitelberger von Edelberg, Die Kunstbestrebungen Österreichs zur Zeit der Eröffnung des
neuen Museums-Gebäudes (Vortrag, gehalten am 23.
November 1871), in : ders., Oesterreichische
Kunst-Institute und kunstgewerbliche Zeitfragen (Gesammelte kunsthistorische Schriften von Ru-
dolf Eitelberger von Edelberg, II), Wien 1879, S. 171–203, hier S. 188. Auszüge aus Eitelbergers
Vortrag, die bis auf geringe Abweichungen in der Formulierung mit dem hier zitierten Text über-
einstimmen, sind am 06.12.1871 in der Neuen Freien Presse veröffentlicht worden. Obwohl in dem
Artikel evoziert wird, dass Eitelberger nicht dessen Autor sei, ist aufgrund der fast exakten Überein-
stimmung des Wortlauts dennoch davon auszugehen (Neue Freie Presse, 06.12.1871, Abendblatt,
S. 4). Hierfür spricht auch, dass der Artikel 1872 mit Verweis auf den vorhergehenden Abdruck in
der Neuen Freien Presse und die Autorschaft Eitelbergers erneut in der Deutschen Bauzeitung abge-
druckt wurde (Deutsche Bauzeitung, 6, 1872, S.
10–12). Ähnliche Formulierungen finden sich auch
in : Die Kunstzustände in Oesterreich und die Wiener Weltausstellung [Referat eines Vortrages von
Rudolf von Eitelberger], in : Mittheilungen des k. k. Österr. Museums für Kunst und Industrie, 6,
Nr.
75, 15.12.1871, Wien 1871, S.
524. Die Übertragung eines mündlichen Vortrags in das Medium
des gedruckten Textes und das Prinzip der Mehrfachveröffentlichung belegen das ausgeklügelte
didaktische Konzept Eitelbergers und sein Streben nach einer großflächigen Verbreitung seiner
Kunstreform.
Rudolf Eitelberger von Edelberg
Netzwerker der Kunstwelt
- Title
- Rudolf Eitelberger von Edelberg
- Subtitle
- Netzwerker der Kunstwelt
- Authors
- Julia Rüdiger
- Eva Kernbauer
- Kathrin Pokorny-Nagel
- Raphael Rosenberg
- Patrick Werkner
- Tanja Jenni
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20925-6
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 562
- Category
- Biographien