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278 Gesa Lehrmann
So führte Eitelberger in seiner 1871 gehaltenen Rede über die zeitgenössischen Kunst-
bestrebungen Ă–sterreichs weiter aus :
Die Renaissance braucht Maler, welche die volle menschliche Gestalt beherrschen […]. Diese
Künstler sind aus unseren Kunstschulen beinahe verschwunden, aus den Lehrsälen der Akademie,
aus den Ateliers der grossen Maler, aus den Salons der Ausstellungen. […] Selbst die Histo-
rienmaler studiren seltener die menschliche Gestalt, wie die Maler des 16. Jahrhunderts. Ihre
Geschichtsmalerei ist zumeist CostĂĽm-Malerei ; sie glauben berufen zu sein, die Weltgeschichte
zu illustriren und uns zur Belehrung alte und neue Geschichte in Bildern zu erzählen, wie fromm
und bĂĽrgerlich tĂĽchtig Rudolf von Habsburg gewesen, wie Karl der Grosse beim Besuche einer
Volksschule sich benommen, CarlÂ
V., LeoÂ
X., FranzÂ
I. liebenswĂĽrdig mit KĂĽnstlern zu schwatzen
verstanden haben u. a. m. Diese historischen Bilder zu Nutz und Frommen des Publicums, wel-
ches eines gemalten Geschichtsunterrichtes bedarfÂ
– das ist unsere Geschichtsmalerei von heute.
[…] Die heutige Schule erzieht die Künstler zu Allem anderen eher, als zur Kunst des histori-
schen Stiles, zur Cultur der Schönheit in der Verklärung der menschlichen Gestalt.21
Eitelberger spricht sich hier gegen jene patriotische Strömung innerhalb der zeitgenössi-
schen Historienmalerei aus, die sich der chronistischen Wiedergabe historisch verbĂĽrg-
ter Fakten hingab und diese mittels KostĂĽm- und Sachstudien im Sinne der Genre-
malerei wirklichkeitsgetreu illustrierte. Nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges
sollte insbesondere Anton von Werner22, ab 1875 Direktor der Berliner Akademie, mit
solchen Ereignisbildern zur jĂĽngsten Geschichte, wie seiner 1877 angefertigten, ersten
Fassung des Gemäldes Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (Abb. 4), zu Ruhm
gelangen. Damit hatte sich Eitelbergers Vorstellung hinsichtlich der thematischen Aus-
richtung von Historienmalerei innerhalb weniger Jahre radikal gewandelt : Noch 1865
war er für die Errichtung einer ›Österreichischen Geschichts-Galerie‹ eingetreten, in der
propagandistische Historienbilder, Porträts des Kaiserhauses sowie bedeutender Persön-
lichkeiten des Landes zum Zwecke der »Erhebung […] der Monarchie«23 gesammelt
werden sollten. Dass sich Eitelberger sechs Jahre später ausgerechnet für die Berufung
Feuerbachs einsetzte, der sich in seiner Kunst ganz dem mythologischen Historienbild
21 Eitelberger, Die Kunstbestrebungen Ă–sterreichs (zit. Anm.Â
15), S.Â
190 f.
22 Anton Alexander von Werner (1843–1915) hatte für weniger als ein Jahr an der Berliner Akademie
studiert, bevor er an die Karlsruher Akademie wechselte und unter Johann Wilhelm Schirmer, Lud-
wig des Coudres, Carl Friedrich Lessing und Adolph Schroedter lernte. Ab 1873 unterrichtete er als
Professor an der Berliner Akademie, ab 1875 war er deren Direktor.
23 R. Eitelberger von Edelberg, Eine österreichische Geschichtsgalerie, in : Oesterreichische Re-
vue, 4, 1866, S. 121–137, wieder abgedruckt in ders., Gesammelte kunsthistorische Schriften, II
(zit. Anm.Â
15), S.Â
53–80, hier S.Â
76.
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Rudolf Eitelberger von Edelberg
Netzwerker der Kunstwelt
- Title
- Rudolf Eitelberger von Edelberg
- Subtitle
- Netzwerker der Kunstwelt
- Authors
- Julia RĂĽdiger
- Eva Kernbauer
- Kathrin Pokorny-Nagel
- Raphael Rosenberg
- Patrick Werkner
- Tanja Jenni
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20925-6
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 562
- Category
- Biographien