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356 Monica Scilipoti
mischen Ateliers in Wien als aufkeimende Hoffnung der langsamen Etablierung von
kunstgeschichtlich relevanten Schulen zu verstehen, die durch Eitelbergers Künstler-
auswahl z. B. von Anselm Feuerbach und von Leopold Carl Müller als Leiter solcher
Ateliers begünstigt werden sollte.41
Die Struktur der Berliner Akademie blieb letztlich mindestens genauso komplex
wie vor dem neuen Statut, wenngleich kleine zaghafte Veränderungen gegen den Wil-
len des damaligen Direktoriums und des akademischen Senats festgelegt wurden. So
wurde auch in Berlin das Direktorat teilweise abgeschafft : An der Spitze der Akademie
sollte fortan ein Präsident stehen. Im Vergleich zu Wien wurde aber das Konzept nicht
mit aller Konsequenz durchgezogen und in der Praxis seitens der Akademie komplett
ignoriert.42 Auch blieb die Figur des Direktors als Leiter der ›allgemeinen Akademie
der bildenden Künste‹ erhalten. Ein dauerhafter Einfluss auf die Einrichtung durch
eine einzige Person war zwar von den Statuten nicht vorgesehen, de facto blieb aber
Anton von Werner ab 1875 40 Jahre im Amt. Hier wird ein Unterschied zwischen den
Positionen der Kunstgelehrten und der Künstler deutlich : Während aus Sicht letzterer
die Leitung in den Händen eines einzelnen Künstlers bleiben sollte, plädierten Carl
Schnaase und Herman Grimm für eine kollegiale Leitung innerhalb des Lehrkorpus
der Akademie, die zumindest ansatzweise am Rektorat der Universitäten orientiert
sein sollte. Noch weitergehender als Schnaases war Grimms Gedanke, dass der Staat
nicht mehr durch die Wahl eines bestimmten Künstlers Einfluss auf die Entwicklung
der Kunst ausüben dürfte : »Hieraus folgt die Unmöglichkeit einer zentralen Ober-
leitung durch einen bestimmten Künstler. Alle Richtungen [der Kunst] sollen ver-
treten sein […].«43 Indes wurde die Idee des jährlich abwechselnden Rektorats nach
41 Zu Anselm Feuerbach und Leopold Carl Müller in Zusammenhang mit Eitelbergers Kunstpolitik
siehe die Aufsätze von Gesa Lehrmann und Marsha Morton im vorliegenden Band.
42 Wie in Wien war auch das Berliner Kultusministerium bestrebt gewesen, die Stelle des Präsidenten
mit einer kurzen Dienstzeit auszustatten, um ähnlich wie im universitären Bereich einen lockeren
Wechsel der Akteure in der leitenden Position zu ermöglichen. Dieser Gedanke scheint dem Se-
nat fern geblieben zu sein, der immer wieder auf längere Amtszeiten mit sofortiger Wiederwahl-
möglichkeit pochte. De facto blieb der Architekt Friedrich Hitzig trotz anderweitiger gesetzlicher
Regelung sechs Jahre lang Präsident, ohne Unterbrechung (1875–1881), vgl. »…alle, die zu dieser
Academie Beruffen«. Verzeichnis der Mitglieder der Berliner Akademie der Künste 1696–1996 (hg.
von der Stiftung Archiv der Akademie der Künste), Berlin 1996, S.
346.
43 GStA PK, I. HA Rep. 76 Ve Sekt. 17 Abt. I Nr. 11 Bd. 2, Bl. 148–152, hier Bl. 148. Für Schnaa-
ses Gutachten siehe ebenda, Bl. 135–138 sowie gemeinsames Gutachten der Künstler, ebenda,
Bl.
121–128. Für die von den Künstlern favorisierte Auswahl von Anton von Werner siehe Mai, Die
deutschen Kunstakademien (zit. Anm. 21), S. 281. Anton von Werners Behauptung, Grimm wäre
selbst eine Option für den Direktorenposten der Akademie gewesen, konnte durch meine bisherige
Recherche nicht bestätigt werden. Vielmehr interessierte sich Grimm in den Jahren immer wieder
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN
Rudolf Eitelberger von Edelberg
Netzwerker der Kunstwelt
- Title
- Rudolf Eitelberger von Edelberg
- Subtitle
- Netzwerker der Kunstwelt
- Authors
- Julia Rüdiger
- Eva Kernbauer
- Kathrin Pokorny-Nagel
- Raphael Rosenberg
- Patrick Werkner
- Tanja Jenni
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20925-6
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 562
- Category
- Biographien