Page - 234 - in Schöne Wissenschaften - Sammeln, Ordnen und Präsentieren im josephinischen Wien
Image of the Page - 234 -
Text of the Page - 234 -
234 Eva Kernbauer
Deutschland und Holland, bis er 1796 Hofmaler in Sankt Petersburg und 1804 Mit-
glied der dortigen kaiser lichen Kunstakademie wurde. Er starb 1808 in Russland.
Das Aktsaal-Gemälde15 entstand ursprünglich für die Sammlung Lamberg; es han-
delte sich also weder um ein Aufnahmestück noch um ein Auftragswerk für die Wie-
ner Akademie. Das Bild gelangte noch zu Lebzeiten Lamberg-Sprinzensteins in den
Besitz der Akademie, dessen Ehrenmitglied und Präses er 1809 und 1818 wurde.
Damit dieses Gemälde nun im Kontext der Auseinandersetzung um das Verhältnis
von Kunst und Wissen betrachtet werden kann, sind zunächst mehrere Exkurse oder
Exkursionen zu Quadals künstlerischen Stationen notwendig. Seine Reisen durch die
Städte, Förderkreise und Ausbildungsstätten Europas führten ihm unterschied
liche
Zugänge vor, wie die gesellschaft
liche Rolle der Kunst und ihr Potenzial als Wissens-
form im 18. Jahrhundert gedacht wurde. Es gab einerseits diejenigen, bereits im
17. Jahrhundert entworfenen geschichtsphilosophischen Denkkonzepte, die Aufstieg
und Blüte der Künste eng an den politischen und gesellschaft lichen Fortschritt ban-
den. Diese bildeten die Grundlage der französischen Kunstpolitik des Hochabsolutis-
mus und waren bis ins späte 18. Jahrhundert für die Leitbilder von Kunstakademien
verbindlich, die entlang dieses Modells orientiert waren. Es bündelten sich darin zahl-
reiche für das Zeitalter der Aufklärung charakteristische Gedanken: Die „Prinzipien
der Publizität und Diskursivität der künstlerischen Produktion“,16 die gesellschaft-
liche Öffnung der Kunst mithilfe ihrer theoretischen Fundierung und neuer Präsenta-
tionsformate (etwa Kunstausstellungen); die Bildung der Künste durch den Geschmack
bzw. die Bildung des Geschmacks durch die Kunst; die Indienstnahme der Kunst zur
Vermittlung moralisierender Inhalte und dergleichen.
Neben diesen Denkkonzepten der breit angelegten gesellschaft
lichen und politi-
schen Einbindung von Kunst im Sinne ihrer Nützlichkeit und allgemeinen Verfügbar-
keit gab es andere, die ihre Anbindung an einzelne Wissenschaftsdisziplinen und
Wissens gesellschaften vorsahen. Zur Nobilitierung der Kunst als Imitation der immer-
währenden Natur bot sich dabei besonders die Orientierung an den empirisch
fundierten, exakten Wissenschaften an, die eine wichtige und breit popularisierte Form
des Wissens im 18. Jahrhundert darstellten. Dieses exklusivere Verständnis von Kunst
als Fachwissen prägte immer wieder die praktische Ausbildung von Künstlern und
wurde dementsprechend auch in Lehrbüchern und wohl auch im praktischen Unter-
richt an den Kunstakademien vertreten. Insbesondere in der englischen Kunstszene
war dieses Selbstverständnis und die ihm entsprechende soziale Organisationsform
des Club verbreitet. Auch die Royal Academy gab ihren Clubcharakter nur so weit
auf, wie es politisch und ökonomisch unbedingt notwendig war. Die Royal Academy
war eine private Organisation, die sich nur nominell auf das Königshaus berief. Ein
breiter öffent licher Resonanzraum war für ihr Selbstverständnis nicht notwendig,
15 Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, Der Aktsaal der Wiener Akademie im
Sankt-Anna-Gebäude, signiert MF. Quadal/Pinx.1787, Öl auf Leinwand, 144 × 207 cm (Inv.-Nr.
GG-100); Trnek 1989, 187.
16 Germer 1997, 348.
Schöne Wissenschaften
Sammeln, Ordnen und Präsentieren im josephinischen Wien
- Title
- Schöne Wissenschaften
- Subtitle
- Sammeln, Ordnen und Präsentieren im josephinischen Wien
- Author
- Nora Fischer
- Editor
- Anna Mader-Kratky
- Publisher
- Österreichische Akademie der Wissenschaften
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-8642-7
- Size
- 20.9 x 29.3 cm
- Pages
- 306
- Category
- Kunst und Kultur