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IV.3 Salzburg: Salzburg (Stadt) – Bürgerspital ... (Kommentar Nr. 31–35) 131
Wolf Pauernfeindt) die Notwendigkeit ergab, die Regeln zu erneuern. Am 23. August
1610 wurden den armen leith die ordnung und gebott (15 Punkte) präsentiert und künf-
tig vier Mal jährlich verlesen46, welche die religiösen Pflichten und strenge Verhaltens-
normen stärker in den Mittelpunkt rückte (Edition Nr. 33, S. 574–577). Die Insassen
mussten künftig für den Landesherrn, die Stifter und Wohltäter beten und täglich die hei-
lige Messe in der Gabrielskapelle besuchen. Standardgemäß wurde ein gottesfürchtiges,
frommes, züchtiges Leben eingefordert und verlangt, dass sich alle der Hausgewalt des
Brudermeisters unterwarfen. Sofern man nicht betete, sollte man sich an der Reinigung
der Kirche, des Kreuzgangs oder des Bruderhauses beteiligen oder die Zeit in der Stube
verbringen. Der Aufenthalt im Wirtshaus war tabu, doch durfte zumindest zu Hause
Wein in geringen Mengen konsumiert werden. Diese Vorschriften hatten – versehen mit
Ergänzungen – immerhin bis zum Jahr 1850 Bestand47.
Die Oberaufsicht über die Anstalt führte – dies war durchaus typisch für einen geist-
lichen Staat – das Konsistorium, das im Jahr 1681 inklusive der Dienstboten 105 „wirk-
liche Pfründner“ zählen ließ. Dazu kamen noch gegen Kostgeldverrechnung drei weitere
Personen und Herbergsleute („Unpfründner“), die weder Pfründe noch Almosen genos-
sen. Konsistorium und Stadtrat gerieten sich vor allem wegen der Unpfründner und der
damit verbundenen Kosten in die Haare, wobei der Stadtrat an das Werk der Barmher-
zigkeit erinnerte. Das Konsistorium verlangte jedoch künftig vor der Aufnahme eines
Unpfründners eine Erklärung, dass das eventuelle Vermögen beim Tod an das Bruderhaus
falle. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts geriet die Institution immer mehr in eine wirt-
schaftliche Krise und die bestellten Brudermeister weigerten sich, ihr Amt anzutreten.
Das Konsistorium empfahl daher eine Radikallösung und wollte die Insassen im Jahr
1717 durch natürliche Abgänge auf 50 Personen reduzieren. Die Realität sah jedoch völ-
lig anders aus, 1718 lebten 79, 1729 63 und 1734 sogar wieder 90 Pfründnerinnen und
Pfründner im Haus. Allerdings zeigte man sich lernfähig und nahm nur Personen auf, die
sich mit höheren Summen einkaufen konnten48.
Zu einer enormen Belastung wurde auch der Neubau der Kirche St. Sebastian in den
Jahren 1748 bis 1754, der mit beinahe 64.000 fl. zu Buche schlug. Zur wirtschaftlichen
Gesundung trug allerdings ein Legat des reichen Bürgers Sigmund Haffner im Jahr 1787
in der Höhe von 15.000 fl. bei49.
Am 8. September 1796 konnte daher auf Anregung des zuständigen Pfarrers der drei-
hundertjährige Bestand des Bruderhauses feierlich begangen werden. Matthäus Reiter
(1750–1828)50, ein überregional bekannter Schriftsteller gemäßigt aufgeklärter religiöser
Erbauungsliteratur und Stadtkaplan zu St. Andrä in Salzburg von 1787 bis 1796, wandte
sich anlässlich dieses Festes mit eindringlichem Appell an seine Zuhörer/innen: „Ihr aber,
die ihr der Wohltaten dieses Hauses genießet, erzeiget euch derselben auch würdig, und
dankbar dafür; nicht bloß durch Bethen, sondern durch euer ganzes Betragen […]. Ja
wahrhaftig, wie gut könnt ihr es haben, wenn ihr mit euerm Zustande zufrieden, ruhig
und stille beysammen lebet, eines das andere übertraget, einander freundlich und gefäl-
lig begegnet, der Kranken und Gebrechlichen mit liebreicher Dienstfertigkeit wartet, in
46 AStS, Städtisches Stiftungsarchiv, Akten (Abschrift 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts), 1610 August
23.
47 Kramml, Bruderhaus 116, 131f.
48 Ebd. 134–137.
49 Ebd. 137f.
50 Roth, Pfarrer der Ainringer Pfarreien 127, 131–135; Lebensumriß; Weiss, Spitalgeistlicher 223f.
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Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Volume 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Spital als Lebensform
- Subtitle
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Volume
- 1
- Authors
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Category
- Medizin