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IV.5 Salzburg: Zell im Pinzgau (Zell am See) – Bruderhaus und
Leprosenhaus (Kommentar Nr. 38–39)
Im März 1736 berichtete Dechant Martin Veldinger von Saalfelden an das Salzburger
Konsistorium über einen schwelenden Konflikt im Markt Zell, der bei der annual visita-
tion vorgebracht wurde1. Der Leprosenhausverwalter und der Pfarrvikar waren bezüglich
der Aufteilung der Opferstockeinnahmen in Streit geraten und riefen nun das Salzburger
Konsistorium als höchste Entscheidungsinstanz an. Das Leprosenhaus, das außerhalb des
Marktes an der Straße nach Saalfelden am Fuß des Einödberges situiert war, hatte einen
Opferstock besessen, der ursprünglich auf offener Straße stand. Im Jahr 1735 wurde je-
doch eine neue Kapelle für zwölf Personen, in welcher die Armen das Rosenkranzgebet
mit Litanei und Schutzgebet zu verrichten hatten, erbaut und der Stock nunmehr auch
aus Sicherheitsgründen in die Mauer des kleinen Gotteshauses eingemauert. Der Priester
reagierte sehr rasch und beanspruchte – kirchenrechtlich abgesichert und wie auch bei der
Pfarrkirche sowie anderen Kapellen üblich – ein Drittel der Einnahmen für sich, ein Drit-
tel für die Pfarrkirche und nur das letzte Drittel sollte für die Leprosen verbleiben. Um
den Verwalter zu kontrollieren, verlangte der Pfarrvikar ebenfalls einen Schlüssel für den
Opferstock. Die geänderte Situation sprach sich sehr rasch herum und die leuth reagierten
ebenfalls, sie gaben nur mehr wenig Geld in den Stock, folglich die arme leprosen ihrer bis-
hero gehabten zuebeßerung beraubt wurden. Die Mitglieder des Konsistoriums überlegten
jedoch nicht lange und wiesen die Beschwerde des Vikars ab, die Einkünfte der Armen
durften aus der Sicht der geistlichen Oberbehörde nicht geschmälert werden2.
Das so genannte Leprosenhaus (Ordnung Edition Nr. 39, S. 594f.), das noch im
Häuserverzeichnis des Jahres 1864 aufscheint3, datiert in das späte 16. Jahrhundert
(1570/80) und dürfte eventuell in Verbindung mit der Wallfahrt Maria im Wald stehen.
Eine aus Kärnten stammende Frau hatte bei dieser Waldkapelle Heilung erfahren und
zum Dank dafür ein Haus zur Beherbergung kranker Pilger gekauft (Xenodochium), die
in Zell Hilfe suchten. Diese Herberge wird in späterer Zeit in den Quellen als Leprosen-
oder Siechenhaus bezeichnet und bot noch in den 1840er Jahren 13 Personen Platz4.
Der Markt, der in seinem Burgfriedsbezirk um 1790 nur 89 Häuser zählte und auch
in den Jahren 1729 und 1770 durch Großbrände5 schwer in Mitleidenschaft gezogen
wurde, hatte größte Probleme, seine Armen und Bettler zu versorgen, so dass der Wunsch
nach der Aufstockung des Leprosenhauses, das vermutlich erst im frühen 19. Jahrhun-
dert der ganzen Gerichtsgemeinde zur Verfügung stand, verständlich wird6. Im Berichts-
und Hungerjahr 1772 wurde das Gericht Zell im Pinzgau mit seinen 6.450 „Seelen“ von
ausländischen Bettlern und handwerkspurschen geradezu überschwemmt – innerhalb von
acht Monaten musste 964 Personen der zehr pfennig gereicht werden –, die sich vor allem
1 AES, 9/11/8 Zell am See, Dechant Martin Veldinger an das Salzburger Konsistorium, 1736 März 3.
2 Ebd. Salzburger Konsistorium an Dechant Martin Veldinger, 1736 März 9.
3 Hölzl, Zell am See 367 (Nr. 91).
4 Lahnsteiner, Unterpinzgau 12; Dürlinger, Pinzgau 286; Greinz, Sociales Wirken 202; Ozlber-
ger, Beschreibung 48 (1844) 372 – um 1840 betrug das Vermögen der Anstalt 17.678 fl. In den „Historischen
Notizen“ wird auf die geschilderte Entstehung der Anstalt allerdings nicht Bezug genommen – PfA Zell am
See, K. 130, Fasz. Bruder- und Leprosenhaus 1573–1796 I, Historische notizen über die in der pfarre Zell am See
bestehenden zwey armenversorgungshäuser leprosenhaus und bruderhaus.
5 Lahnsteiner, Unterpinzgau 60.
6 Hübner, Beschreibung 2 578; Englmayr, Chronik 51.
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Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Volume 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Spital als Lebensform
- Subtitle
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Volume
- 1
- Authors
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Category
- Medizin