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V.1 Kärnten: Bleiburg – Bürgerspital (Kommentar Nr. 40) 143
tung ihres kümmerliches irdisches Leben sicherlich ein großzügiges Almosen darreichten9.
Eine dramatische Änderung für die karitative Einrichtung in Bleiburg brachte das Jahr
1762 mit sich, denn am 16. Juli starb im Alter von 74 Jahren der Archidiakon von Ober-
kärnten und Stadtpfarrer von Gmünd Johannes Erasmus Kumesch, der einem begüterten
Bleiburger Handelshaus entstammte. Der gebildete Theologe und große Wohltäter seiner
Heimatstadt vermachte dem Bleiburger Magistrat die hohe Summe von knapp 53.000
fl. für soziale Zwecke. Als Universalerben setzte er die Armen im Bürgerspital ein10. Mit
diesem Vermögen war es möglich, ein zeitgemäßes Bürgerspital in der Nähe des ehemali-
gen Wohnhauses des Stifters aufzurichten. Wie der Bauplan verrät, verfügte das Gebäude
über einen eigenen Brunnen, ausreichend Aborte im Erdgeschoß und im ersten Stock.
Die meisten Zimmer (cabinet) der Armen waren klein gehalten und dürften nur ein bis
zwei Personen Raum geboten haben, daneben gab es eigene Räumlichkeiten für die Wai-
senkinder, die Bettler und ein eigenes menscher zimmer. Ob die größeren Stuben lediglich
für den Aufenthalt der Insassen dienten oder auch zum Schlafen gedacht waren, lässt sich
nicht mehr zweifelsfrei entscheiden. Im oberen Stockwerk befand sich noch ein kleinerer
Saal, das Archiv, die beiden Zimmer für den Spitalverwalter und die Wohnung des Bene-
fiziaten. Im Erdgeschoß konnten die Siechen vom Krankenzimmer aus zwar nicht direkt
auf den Altar blicken, aber durch ein Fenster der angebauten Kapelle das beruhigende
Gemurmel der täglichen Gebete hören und die Messe mitverfolgen11. Die Bauarbeiten am
einstöckigen Gebäude mit angeschlossener Erasmus-Kapelle wurden 1766 abgeschlossen:
30 verarmte Bürger fanden nunmehr einen Wohnplatz. Um die Kranken und üblicher-
weise betagten Armen in seelsorgerlicher Weise besser betreuen zu können, wurde mit
den vorhandenen finanziellen Mitteln auch ein Spitalbenefizium gestiftet. Der Benefiziat
wohnte im Spital und las die Wochenmesse, 1782 wurden weitere 20 Messen gestiftet12.
Um die Nachwelt auf die Leistungen des Stifters aufmerksam zu machen und zu Dankge-
beten zu animieren, errichtete man über dem Eingangstor des Hauses eine Steintafel und
ließ ursprünglich in der Kapelle (heute Bezirksgericht) ein zeitgenössisches Leinwandbild
aufhängen, welches Kumesch mit dem detaillierten Bauplan zeigt13.
Da dem Magistrat für das Spital seit 1762 ausreichend Geld zur Verfügung stand,
konnten den Armen endlich auch warme Speisen und Getränke geboten werden – die
Zeiten des entwürdigenden Bettelns waren zumindest in Bleiburg Geschichte. Die Spei-
seordnung für 1766 (Edition Nr. 40, S. 596f.) sah für 14 würdige arme Pfründner, die
im November dieses Jahres bereits in das Haus einziehen konnten, fünf Mal pro Woche
Fleischspeisen und Kraut oder zumindest Fleisch in der Suppe vor, an den restlichen Ta-
gen wurden die frühneuzeitliche mell speis gereicht. Mit der Austeilung von Brot und
Steinbier ging die Leitung auch nicht sparsam vor. An den Festtagen ließ man zusätzlich
gebratenes Fleisch kochen und steirischen Wein ausschenken14. Im März 1773 lebten im
9 ADG, PfA Bleiburg, Hs. 8, 1748 Jänner 26. Freundlicher Hinweis von Mag. Robert Kluger (ADG).
10 Singer, Kultur- und Kirchengeschichte 60–62; Deuer, Jauntaler Kulturwanderungen 82f.; Mory,
Momente 23; KLA, Stadt Bleiburg, Sch. 1, Fasz. 4/1, Testament Johannes Erasmus Kumesch, 1679 Februar 9
(Abschrift 20. Jhdt.); Milde Stiftungen I, Sch. 71, Fasz. 931, Testament Johannes Erasmus Kumesch, Abschrift.
11 KLA, Milde Stiftungen I, Sch. 71, Fasz. 931, Nr. 30, undatiert (1766 November), Bauplan des
Bürgerspitals Bleiburg.
12 Singer, Kultur- und Kirchengeschichte 33f., 35f.
13 Deuer, Jauntaler Kulturwanderungen 83; Singer, Kultur- und Kirchengeschichte 36; Bacher,
Kärnten 57, 59.
14 KLA, Milde Stiftungen I, Sch. 71, Fasz. 931, Bleiburg Bürgerspital, Nr. 4, undatiert (1766 Novem-
ber), Speiseordnung für das Bürgerspital in Bleiburg.
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Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Volume 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Spital als Lebensform
- Subtitle
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Volume
- 1
- Authors
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Category
- Medizin