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V.2 Kärnten: Klagenfurt – Bürgerspital und Armenhaus
(Kommentar Nr. 41–46)
Seit den 1970er Jahren interessiert sich die historische Forschung für die institutionelle
Armenfürsorge und stellt damit die Lebensbedingungen der jeweiligen Insassen in diesen
Anstalten in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Historikerinnen und Historiker bega-
ben sich auf die Suche nach neuen oder ungelesenen Quellen, sofern diese nicht noch
im Verlauf des 20. Jahrhunderts der unbedachten Vernichtung anheimfielen. So ließ im
Kärntner Landesarchiv Direktor Dr. Martin Wutte (1876–1948) noch in den 1920er und
1930er Jahren von seinen Mitarbeitern angeblich „belanglose Akten“ ausscheiden. Zum
„geschichtlich Wertlosen“, wie es wortwörtlich im Findbuch heißt, zählten für ihn und
selbstverständlich für die meisten seiner damaligen Berufskollegen/innen unter anderem
die Aufnahmegesuche von Pfründnern/innen im Klagenfurter Bürgerspital und die An-
zeige ihres Hinscheidens1.
In der Stadt Klagenfurt, seit dem Jahr 1518 Eigentum der Kärntner Landschaft und
seit der Regierungszeit Erzherzog Karl II. (1564–1590) endgültig die Metropole Kärn-
tens2, existierten um 1790 drei bedeutende Versorgungsanstalten: das Bürgerspital (37
Frauen, 18 Männer, in Summe 55 Personen), das Armenhaus (180 Frauen, 160 Männer,
in Summe 340 Personen) und das Waisenhaus (69 Mädchen, 166 Knaben, in Summe
235 Personen). Insgesamt konnten in den Anstalten bzw. mit Mitteln der Spitäler 630
Frauen, Männer und Kinder versorgt und betreut werden3.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatten die Bewohner des Bürgerspitals und des
Armenhauses mehrfach besonderes mißfallen erregt und die Verfasser der Instruktionen
für die beiden Institutionen waren sich in den 1750er und 1760er Jahren einig, dass so-
wohl die Pfründner als auch die niederen Dienstboten den Aufenthalt in diesen sozi-
alkaritativen Anstalten nicht verdienen würden, denn ihrer Meinung nach glichen die
erwähnten Häuser nicht mehr einer milden Stiftung, sondern vielmehr einer Beherber-
gungsstätte von Gott: und gewissenlose[n] menschen. In einem knapp dreiseitigen, inhalt-
lich und quellenmäßig spannenden Prolog aus dem Jahr 1756 zur teilweisen wortidenten
Neuformulierung der Statuten des Bürgerspitals und des Armenhauses wurden vom Ma-
gistrat und den Ständen die Verstöße gegen die frühneuzeitliche und die göttliche Ord-
nung gegeißelt und sehr deutlich mit dem Ausschluss aus der Anstalt zumindest gedroht4.
Die Hausbewohner hatten sich wenig um den strengen Wortlaut der Ordnung geschert,
in der Stadt gebettelt und damit Gott die kostbare zeit gestohlen. Sie sollten sich jedoch
vielmehr mit der Spitalkost zufrieden geben und nach der Devise leben: Mein speiß ist,
daß ich erfülle den willen Gottes, der da will, daß ich in armuth und im spital leben solle 5.
Die wiederholte Erneuerung der Ordnungen auch in Klagenfurt lässt sich dabei nicht
1 KLA, Repertorium 56, Ständisches Archiv, C Akten, Abteilungen II und III, Vorbemerkungen zu
den Abteilungen II und III; Abt. II, S. 4: „Skartiert: Anzeigen von Todfällen der Pfründner, Aufnahmegesuche.
Sonst Belangloses“. Diese Akten betrafen den Zeitraum 1799 und die Folgejahre; Weiss, Unglück 194; zu den
Bittschriften im Klagenfurter Bürgerspital Mak, Alltag 68–84.
2 Fräss-Ehrfeld, Geschichte Kärntens 2 445.
3 Uebersicht 85; Weiss, Hund 178; 125 weitere Personen wurden im Zucht- und Arbeitshaus ver-
wahrt; Weiss, Unglück, 200; Weiss, Karbatsch-Streiche 167–194.
4 Scheutz–Weiss, Spitäler 329; Olexinski, Armen- und Krankenpflege 116–121; Edition Nr. 43
und Nr. 44.
5 Alle Zitate nach Edition Nr. 43, S. 622–626; Weiss, Österreichische Hospitäler 220, 225f.
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Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Volume 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Spital als Lebensform
- Subtitle
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Volume
- 1
- Authors
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Category
- Medizin