Page - 170 - in Spital als Lebensform - Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Volume 1
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sundheitszustand verwies, konnte er seinem eigenen und dem Lügengestrick seiner Frau
nicht mehr entkommen. Das Fazit, welches Kölbl zog, war, dass der ehemalige Spital-
meister nicht für das spitall, sondern nur für sich selbsten zu würtschaften sich beflisßen hat 21.
Walchegger versuchte vor Bekanntwerden seiner Veruntreuungen verzweifelt, mit einem
Bittlibell seine Reputation zu retten und mit einer milden Stiftung (sechs Messen) die
Wogen vordergründig zu glätten, was jedoch zunächst abgelehnt wurde. Allerdings hatte
sich bis zum Juni 1749 die Lage für Walchegger deutlich entspannt; die von ihm ange-
regten sechs jährlichen Messen wurden tatsächlich gelesen, die noch zu bezahlende Rest-
summe in der Höhe von 215 fl. 31 xr. war ihm aufgrund seiner „Verdienste“ nachgesehen
worden. Als er jedoch an Maria Theresia supplizierte, für sich und seine Familie sechs
weitere Messen lesen lassen zu wollen und den Spitalmeister anwies, die zusätzlichen Aus-
gabe in die Rechnungen zu setzen und auf den ihm angeblich noch gebührenden Raitrest
verwies, überspannte er deutlich den Bogen. Man ließ ihm unmissverständlich mitteilen,
man wolle von dergleichen ohngegründten forderungen nicht mehr behelligt werden22.
Die schützende Hand, welche die Stadt Bruck weiter über ihren ehemaligen Spital-
meister hielt, mag auf den ersten Blick überraschen, doch wusste Walchegger bestens dar-
über Bescheid, auf welche Weise Bürgerschaft und Magistrat dem Spital wiederholt etwas
abzuzwakhen suchten. Letztlich bediente sich die Ratselite beim Spital. Wie der Stadt-
pfarrer dem Buchhaltereiadjunkten Kölbl vertraulich mitgeteilt hatte, existierte zwischen
Stadt und Spital ein Vergleich, der vorsorglich in einer Truhe des Stadtarchivs aufbewahrt
wurde. Dessen Vorhandensein hätte vermutlich die Rechtsposition des Spitals gestärkt
und wurde auf Nachfragen Kölbls energisch in Abrede gestellt23.
Das Stadtarchiv in Bruck blieb auch weiterhin ein arkaner Ort, zu dem der Hofkom-
mission der Zugriff verwehrt blieb. Im März 1748 fand man zufälligerweise die Spital-
rechnungen der Jahre 1701 bis 1706 im Archivraum, aus Graz kamen die Originale zur
Einsicht hinzu, doch hatte das Gesamtpaket an Rechnungen bis Anfang 1749 den Rück-
weg nicht mehr geschafft. Bei Spitalmeister Joseph Ebner dürfte auch die harsche Auf-
forderung, innerhalb von acht Tagen eine Verantwortung einzusenden, wenig Wirkung
gezeigt haben24. Wer allerdings in der Lage war, die Armen einigermaßen in den Griff
zu kriegen und das Spital als markanten Wintertreffpunkt der Vagierenden, der sich auf
ihren „Mental Maps“ eingeprägt hatte25, zu managen, konnte wohl auch mit den in der
Ferne agierenden Behörden umgehen und sie an den dicken Wänden des Spitals abprallen
lassen. Um den Holzverbrauch im Spital zu legitimieren, hatte bereits der abgesetzte Spi-
talmeister Walchegger indirekt auch die Bettlerproblematik angesprochen: dan der winter
wäre lang, es müesße den ganzen tag in offen brennen, dan die gemain stuben were stätts voll,
deren frembden lauffenden betlern, welche gern warm hetten, und selbst das holz in offen lege-
ten, für sich aber applicirete er nichts26.
21 Ebd. fol. 569r–v.
22 Ebd. Nr. 86, Dominicus Walchegger an die Landesfürstin, undatiert, 1749 Juni, fol. 727r–729v.
23 Ebd. Nr. 60, Untersuchungen der Spitalamtsadministration in Bruck an der Mur, Relationen des
Buchhaltereiadjunkten Franz Joseph Kölbl an die Hofkommission, 1746 September 9, fol. 577r–v.
24 Ebd. Nr. 73, Bürgermeister, Richter und Rat der Stadt Bruck an die Hofkommission, undatiert
(1748 März), fol. 641r–647v.
25 Dazu jüngst Scheutz, Mental maps 111–140.
26 StLA, Weltliche Stiftungsakten 74, K. 224, Nr. 60, Untersuchungen der Spitalamtsadministration
in Bruck an der Mur, Relationen des Buchhaltereiadjunkten Franz Joseph Kölbl an die Hofkommission, 1746
September 9, fol. 560v.
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Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Volume 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Spital als Lebensform
- Subtitle
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Volume
- 1
- Authors
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Category
- Medizin