Page - 163 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 163 -
Text of the Page - 163 -
1632.
September 1848
italienischen staatenbund mit garantirter neutralität erreicht würde, wel-
chem das herzogthum mailand (vom mincio an) entweder als selbstständiger
staat oder auch in Personal-union mit oesterreich beytreten könnte. dieses
wäre meiner Ansicht nach für oesterreich der vortheilhafteste Ausweg. Je-
doch sprach ich diese Ansicht ausdrücklich bloß als Privatmann aus, denn
meine instruktionen gehen bloß dahin, daß wir an der mediation, falls sie von
oesterreich angenommen würde, beytreten wollen. übrigens habe ich, seit
ich hier bin, noch keine Zeile vom ministerium erhalten! die schleswigsche
sache wird, wie mir Palmerston gestern sagte, bald zum schlusse kommen,
d.i. zu einem Waffenstillstand, das wäre ein glück, denn in dieser sache steht
ein europaeischer krieg näher, als man glauben sollte.
Bey meinem gänzlichen mangel an neueren instruktionen (die ich von
frankfurt mitbrachte, waren ziemlich allgemein) beschränken sich meine
diplomatischen verhandlungen mit lord Palmerston auf allgemeine Phra-
sen und versicherungen der Billigkeit und friedensliebe der centralge-
walt, und ich wünsche sehnlich, einmal in den stand gesetzt zu werden,
aus dieser Allgemeinheit herauszutreten.
meine visiten bey dem diplomatischen corps und den ministern habe ich
schon gemacht und großentheils schon zurückerhalten, bis ich aber von der
Königinn empfangen seyn werde, befinde ich mich immer nur in einer halb
offiziellen Stellung, welche mir unangenehm zu werden anfängt.
Am sonntag machte ich mit Banks und seinem sekretär sieveking einen
Ausflug nach HamptonCourt und Richmond, ganz unbeschreiblich lieblich
und schön, ich sehe Banks sehr viel, aber seine stellung ist mir weder klar
noch angenehm, er ist vom seligen Bundestage hieher gesendet wegen der
schleswigschen sache und dann auch wegen marine- und handelssachen,
ist bey Palmerston, nicht bey der königinn beglaubigt und ein freund von
heckscher. so gibt es dann in der schleswigschen sache hier 3 Beauftragte
deutschlands: Bunsen, weil Preußen noch immer das mandat von deutsch-
land hat (obwol ich es nicht begreife seit unserer und max gagerns sen-
dung1), Banks und ich.
[london] 2. september Abends
der Waffenstillstand ist endlich am 27. in malmöe abgeschlossen worden,
heute sollen die Ratifikationen in Berlin ausgewechselt werden,2 er dauert
1 freiherr maximilian v. gagern, seit 9.8.1848 unterstaatssekretär im reichsaußenministe-
rium, war gleichzeitig zum sonderkommissar für schleswig-holstein ernannt worden.
2 der Waffenstillstand mit dänemark war von Preußen ohne Autorisierung durch die pro-
visorische Zentralgewalt abgeschlossen worden. dies führte zu einer regierungskrise in
frankfurt, vgl. eintrag v. 13.9.1848.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien