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September 1848
ham, der mich wiederholt einlud. samstag fahre ich auf die Jagd zu lord
essex nach cashiobury Park etc. Bis nun habe ich sehr wenig Bekannt-
schaften gemacht, wo wäre dieses auch möglich? es ist beynahe niemand
mehr in der stadt. Wellington lernte ich neulich kennen, ein gutmüthig
aussehendes taubes altes männlein, ganz anders als ich mir ihn gedacht
hatte, am meisten sehe ich koller, Banks, kielmansegge, Bunsen etc.
[london] 13. september
es geschieht jeden tag soviel neues, und ich habe so vollauf zu thun, daß
ich keine Zeit finde, mein Tagebuch zu führen. Ich recapitulire also kurz.
sonntag den 3. brachte ich bey mr. nicholson, Waverley Abbey bey farn-
ham, recht angenehm zu, es ist ein freund mohl’s, der mir einen Brief an
ihn gegeben hatte,1 hübsche tochter, ein paar deutsche dort etc.
Am 4. hatte ich meine Audienz bey der königinn, ich hielt eine kurze
Anrede, welche sie sehr freundlich erwiederte. Abends hatte ich eine sehr
lange conversation mit Prinz Albert, welcher mich ersuchen ließ, zu ihm zu
kommen, wir sprachen fast fortwährend über deutsche Angelegenheiten.
tags darauf war die Prorogation des Parlaments, sehr glänzend und im-
posant, die königinn every inch a queen, im saale waren: 3 söhne louis
Philippes, guizot, metternichs, louis Blanc, 2 infanten von spanien, ein
paar indische fürsten etc. ich war auf der diplomatischen tribüne, in
schwarzem hofkleide unter all den uniformen, und erregte viel Aufsehen.
die Anerkennung der centralgewalt ist somit förmlich erfolgt. doch ko-
stete es noch einige mühe, die Anzeige meiner Audienz ganz so, wie ich es
wollte, in die offizielle Gazette zu bringen, dazu schob ich Banks vor, weil
ich es mir zum grundsatze gemacht habe, dergleichen nadelstiche nicht zu
bemerken. es kommen deren allerdings noch zuweilen vor, hauptsächlich
durch die schuld des frankfurter ministeriums, welches es unterlassen
hat, mir in meinem creditiv förmlich den titel eines gesandten beyzule-
gen, so daß ich offiziell eigentlich nur als mit einer außerordentlichen Mis-
sion beauftragt erscheine.2 Palmerston soll über mein energisches Auftre-
ten in der italienischen sache (welches ich übrigens ganz aus dem stegreife
that, da ich von frankfurt noch nicht eine sylbe erhalten habe) ärgerlich
gewesen seyn und deßhalb über jene formfragen chicanirt haben. meinet-
1 Ein englisches Empfehlungsschreiben Robert Mohls für Andrian v. 18.8.1848 findet sich in
k. 114, umschlag 663.
2 In K. 115, Umschlag 664 findet sich eine undatierte und ungezeichnete Notiz des Foreign
Office an Andrian, wonach man es ablehne, ihn in offiziellen Aussendungen als „Envoy Ex-
traordinary to her majesty“ zu bezeichnen, da dies nicht seinem Akkreditierungsschreiben
entspreche. es hieße statt dessen „on an extraordinary mission from his imperial high-
ness the Arch duke.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien