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Tagebücher166
wegen. vielleicht ist es aber auch nur eine supposition, soviel ist gewiß, daß
er gegen mich von einer ganz auffallenden liebenswürdigkeit ist und mich
sehr auszeichnend behandelt. Wer aber ganz sauersüß und zweydeutig um
mich herumschleicht, das ist Bunsen.
meine stellung wäre eine viel angenehmere und bessere, wenn mir das
Ministerium häufigere Instructionen gäbe, so aber habe ich, seit ich hier
bin, außer einigen unbedeutenden mittheilungen noch gar nichts erhalten,
während ich ziemlich regelmäßig und sehr ausführlich berichte.
das große ereigniß aber, welches mich seit 4–5 tagen in Athem erhält
und hier fest hält (obwol Alles, selbst Palmerston, fort ist, und ich gestern
zu den rennen nach doncaster wollte, wohin mir Palmerston eine menge
empfehlungsbriefe mitgegeben hatte), ist der rücktritt unseres kabinets
in folge des von der nationalversammlung am 5. gefaßten Beschlusses: die
Ausführung des malmöer Waffenstillstandes zu sistiren. die minister hat-
ten den groben Fehler begangen, den Waffenstillstand, der schon ratifizirt,
daher ein fait accompli war, der Beschlußfassung der nationalversamm-
lung zu unterziehen, und dennoch auf dessen genehmigung anzutragen,
während sie zugleich diesen Waffenstillstand auf das heftigste tadelten. die
maßregel war also zugleich ungeschickt und halb, die natürliche folge eines
coalitionsministeriums, welches in sich selbst uneines war. dazu kam die
Berserkerwuth dahlmanns und seiner mitprofessoren, welche, ohne auch
nur die Acten gelesen zu haben, von der ehre deutschlands faselten. das
ende war, daß die minister mit 17 stimmen in der minorität blieben und
daher abtraten, und daß dahlmann mit der Bildung eines neuen cabinets
beauftragt wurde, womit er nie zu stande kommen wird, denn aus der mo-
mentanen coalition dahlmann’s cum suis und der linken, wodurch diese
majorität entstand, kann nimmermehr ein einiges ministerium, welches
auch nur 8 tage dauern könnte, hervorgehen. die eigentliche diskussion
über den vertrag war vorgestern, und da wird ohne Zweifel derselbe gut-
heißen worden seyn.1 die majorität bereut schon jetzt, was sie am 5. gethan
1 Am 5.9.1849 war in namentlicher Abstimmung die sistierung aller zur Ausführung des
Waffenstillstands mit dänemark nötigen militärischen und sonstigen maßnahmen mit 238
gegen 221 stimmen beschlossen worden, obwohl die regierung die Annahme zur kabinetts-
frage erklärt hatte. die Ausführung dieses Beschlusses wurde vom ministerium insoferne
umgangen, als es noch am selben tag zurücktrat und erklärte, bis zur ernennung eines
neuen kabinetts nur die laufenden geschäfte „mit welchen keine politische verantwort-
lichkeit verbunden ist“ zu besorgen. der vollzug des sistierungsbeschlusses falle jedoch
nicht unter die laufenden geschäfte, man halte sich daher „nicht für berechtigt, denselben
vorzunehmen.“ Am 16. september beschloss die nationalversammlung wieder in namentli-
cher Abstimmung (257 gegen 236 stimmen), die vollziehung des Waffenstillstands, „soweit
solcher nach der gegenwärtigen sachlage noch ausführbar ist, nicht länger zu hindern“
und die Zentralgewalt aufzufordern, wegen Modifikationen des Vertrags und „schleuniger
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien