Page - 170 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
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Tagebücher170
endlich habe ich heute von heckscher den Auftrag erhalten, in der ita-
lienischen Sache definitiv die Vermittlung der Centralgewalt anzutragen
respective zu erklären. oesterreich ist damit einverstanden. ich habe nun
Palmerston, welcher in Broadlands sitzt, geschrieben, um ihn um eine ent-
revue zu ersuchen. die sache wird ihm nichts weniger als angenehm seyn.
ich habe wieder ein paar behutsame schritte in der großen sache gethan,
nämlich wegen définitiver Entscheidung über das endliche Verhältniß Oe-
sterreichs zu deutschland, und ich arbeite eben an einem Artikel, welchen
ich (natürlich incognito) in eine Wiener Zeitung lanciren will, um der öffent-
lichen meinung den Puls zu fühlen,1 der von mir angeregte österreichische
club in frankfurt ist, wie mir egger schreibt, endlich zustandegekommen
und zählt vor der hand 46 mitglieder, ganz hinreichend. Jellachich ist in
ungarn eingerückt, im nahmen der integrität der österreichischen monar-
chie, und hat ein paar manifeste erlassen, welche mir ganz aus dem herzen
gesprochen sind. das ungarische ministerium hat abgedankt, und kossuth
ist eine Art von diktator, eine stadt nach der Andern, ein comitat, ein
regiment nach dem andern fällt von ihm ab und steckt die schwarzgelben
farben auf, welche Jellachich als symbol voranträgt. glück auf, es ist ein
blutiger Weg, aber der einzig mögliche.
in Wien hat es am 12. und 13. einen sehr ernsthaften Arbeiteraufstand
gegeben, die regierung hat aber festigkeit bewiesen und ist herr geblie-
ben, überhaupt scheinen die dinge dort eine bessere gestalt anzunehmen,
sogar der reichstag wird conservativ und zeigt endlich wieder einen öster-
reichischen Patriotismus, es drängt mich nach Wien, denn ich glaube, es
wird dort bald Zeit für mich seyn, mein armer freund doblhoff opfert sich
edelmüthig für oesterreich.2 ich schrieb ihm neulich ausführlich meine An-
sichten über die italienische frage.
Raumer hat sein Notificationsschreiben endlich übergeben.
1 Der Artikel erschien schließlich in der Kölnischen Zeitung v. 10.11.1848; vgl. Eintrag v.
18.11.1848.
2 Am 28.5.1849 schrieb frh. Anton von doblhoff an Andrian über seine tätigkeit als minis-
ter von mai bis november 1848 (k. 115, umschlag 664): „der kampf, den wir gegen eine
volks-souverainitaet wildester Art und gegen einen maaßlosen wuthschnaubenden Preß-
und vereins-terrorismus zu führen hatten, kann nicht beschrieben werden und kann auch
nicht mehr vorkommen; speziell war ich ausersehen den Eisbrecher des ungestümsten An-
pralles aller entfesselten elemente des Aufruhrs abzugeben, – hiezu die italienischen und
vorzugsweise die ungarischen intriguen etc. – wir mußten unterliegen, und mit uns die
säulen eines liberalen constitutionalismus zusammenstürzen! – auch meine riesennatur
war am ende gebrochen […] und ich glaube, wir hätten den schiffbruch noch zurückgehal-
ten, – denn wir hatten das vertrauen der majorität im reichstage und in den Provinzen,
– hätten uns die ungarischen Angelegenheiten und Wütheriche nicht das sturmruder ge-
brochen.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien