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17510.
Oktober 1848
[london] 10. oktober
ich war wieder einmal in Broadlands, und zwar wegen der Angelegenheit
der Akkreditirung eines ständigen reichsgesandten. in frankfurt scheint
man es zwar auf mich abgesehen zu haben, und Palmerston hat sich, wie
man mir schreibt, sehr günstig über mich ausgesprochen, dennoch glaube
ich, daß am ende Bunsen es werden wird, denn es scheint mir nicht wahr-
scheinlich, daß Preußen in seine Abberufung willigen wird, und für diesen
fall habe ich nach frankfurt meine Ansicht dahin ausgesprochen, daß es
viel besser sey, eine verschmelzung der preußischen und der reichsge-
sandtschaft eintreten, als sie noch fernerhin nebeneinander fortbestehen
zu lassen.
lord Palmerston erwiederte übrigens, daß er wegen dieser Accreditirung
erst noch mit lord John russell sich besprechen müsse. die leute möchten
uns den Brodkorb recht hoch hängen.
von Broadlands fuhr ich am tage darauf nach southampton, von da mit
dem dampfschiff nach der insel Wight hinüber, nach cowes, newport, ca-
risbrook castle (wo carl i. gefangen saß) und ryde, wo ich übernachtete.
tags darauf fuhr ich von da nach Portsmouth und london. die fahrt war
herrlich, das Wetter am ersten tage entzückend, leider konnte ich nicht
mehr von der insel sehen, weil ich am selben tage, d.h. gestern, beym Prin-
zen von Parma in der nähe von kingston zum essen geladen war, ich aß
ganz en famille mit ihnen. die Prinzessinn ist eine ausgezeichnete und
liebenswürdige junge frau und erzählte mir viel interessantes über ihre
schicksale und erlebnisse in der jüngsten Zeit in italien, sie fragte mich
um rath, was sie thun solle, um ihr herzogthum nicht zu verlieren, und ich
meinte, sie solle vor Allem die conferenz beschicken.1
Wieder ein mord. fml lamberg ist in Pesth gräßlich ermordet worden.2
heute lese ich in den Blättern, daß edmund Zichy von den ungarn (?) ge-
fangen und gehängt wurde,3 so erfüllen sich rings um mich her die tragisch-
sten geschicke, wie wird sich das meinige gestalten? – – diese ungarische
catastrophe wird immer dramatischer, sowie die figur Jellachich’s, er ist
1 herzog karl ii. hatte unter druck der revolution am 9. April 1848 eine provisorische re-
gierung ernannt, das herzogtum dem schutz sardinien-Piemonts unterstellt und das land
verlassen. sein sohn, verheiratet mit Prinzessin louise Berry, kehrte nach dem sieg der
österreichischen truppen im August 1849 nach Parma zurück und übernahm die regie-
rung.
2 general graf franz Philipp lamberg, der als kaiserlicher kommissär nach Pest entsandt
worden war, wurde kurz nach seinem eintreffen am 28.9.1848 von einer aufgehetzten men-
schenmenge ermordet.
3 graf eugen Zichy, nicht sein Bruder edmund, wurde von einem ungarischen kriegsgericht
wegen landesverrats zum tode verurteilt und am 30.9.1848 hingerichtet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien