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18110.
November 1848
und einige Fanatiker, die sich gegen den Kaiser auflehnten und durch die
schändlichsten lügen einen theil des volkes verführten, und gegen diese
wird die kaiserliche Armee, die nun von allen seiten in ungarn einrückt,
das beste Argument seyn. Jetzt wäre also, wenn je, der Augenblick da, die
ungarischen verhältnisse radical zu ordnen und überhaupt die Basis des
künftigen oesterreich zu legen. ob man es thun wird? über das neue mini-
sterium weiß man noch immer nichts, doch wird es aus energischen män-
nern bestehen.
in frankfurt hat inzwischen die nationalversammlung das verhältniß
oesterreichs zu deutschland (wenn auch, da eine 2. Berathung eintritt)
noch nicht definitiv entschieden, es müsse nämlich zwischen den Deutschen
und nichtdeutschen Provinzen oesterreich das bloße Band der Personal-
union bestehen. die frankfurter nationalversammlung konnte nur so und
nicht anders entscheiden, und wäre ich dort gewesen, so hätte ich nicht an-
ders gestimmt.1 die frage ist nun an oesterreich gestellt, und dieses muß
nun antworten, und zwar meiner überzeugung nach entschieden mit Nein,
d.h. Austritt, jedoch inniges Bündniß, ja wo möglich staatenbund, das war
auch gagerns vorschlag, nur wollte er, und zwar mit unrecht, daß dieses
verhältniß des staatenbundes gleich von frankfurt aus statuirt werde. ich
freue mich über dieses votum, weil es eine unklare Position klar macht,
an dieser unklarheit litten mit wenigen Ausnahmen alle österreicher. in
diesem sinne habe ich dann auch sowohl an erzherzog Johann als an öster-
reichische Abgeordnete in frankfurt geschrieben, damit der Zwischenraum
bis zur 2. Berathung dazu benützt werde, um die öffentliche meinung in
oesterreich aufzuklären und somit für ein entschiedenes jedoch freund-
schaftliches nein zu bestimmen, zugleich aber von einem Austritte der
österreichischen mitglieder abzurathen, welcher jetzt nur unnöthige Aufre-
gung hervorbringen würde.
die Preußen erheben natürlich unter diesen umständen ihr haupt und
jubeln im stillen. denn Preußens suprematie scheint mit oesterreichs
Austritt entschieden, ihnen, mir nicht, denn die Antipathieen gegen Preu-
ßen sind im norden wie im süden groß, ebensogroß als die fast rührende
sympathie für oesterreich. namentlich lamentirt mir kielmansegge vor:
1 in der Beratung der reichsverfassung wurden am 27. oktober 1848 die §§ 2 und 3 unver-
ändert nach den Anträgen des verfassungsausschusses angenommen: § 2: kein theil des
deutschen reiches darf mit nichtdeutschen ländern zu einem staate vereinigt sein. § 3:
hat ein deutsches land mit einem nichtdeutschen lande dasselbe staatsoberhaupt, so ist
das verhältniß zwischen beiden ländern nach den grundsätzen der reinen Personalunion
zu ordnen. Ein Zusatzantrag, wonach die Verhältnisse Österreichs der definitiven Anord-
nung vorbehalten bleiben sollten, wurde ebenfalls in namentlicher Abstimmung mit klarer
mehrheit (318 gegen 104 stimmen) verworfen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien