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nun da oesterreich sich zurückziehe, müsse aus der ganzen deutschen ein-
heit nichts werden. es wird noch manchen bittern und für beyde theile
schmerzlichen kampf geben, dennoch aber wird es so kommen wie gesagt,
es müßte denn wirklich nichts aus der regenerirung deutschlands werden,
was ich tief beklagen würde.
neulich hatte ich über diese gegenstände eine lange unterredung mit
Prinz Albert in Windsor, ich war hinausgefahren, um frische luft zu schöp-
fen, und besuchte bey dieser gelegenheit den sekretär des Prinzen dr.
mayer, als der Prinz hörte, daß ich da sey, kam er herab. Auch mit dem
herzoge und besonders der herzoginn von cambridge, bey welchen ich neu-
lich in kew speiste, wurde beständig davon gesprochen. die herzoginn ist
eine geistvolle und für eine fürstinn ziemlich liberale frau.
gestern war lordmayorsday, und ich nahm die einladung zum diner an.
1300 Personen in der großen halle der guildhall. das ganze war imposant
und magnifique, wie es nur in England möglich ist, wo man eine so würdige
und doch unaffektirte feierlichkeit besitzt. vom diplomatischen corps wa-
ren bloß Beaumont und ich, Beaumont als senior hielt die Antwortsrede
auf den toast des lordmayors, letzterer sprach nur immer von frankreich
und hängte die other foreign Ambassadors nur ganz am schlusse an, was
mich etwas verletzte.
übrigens ist mein leben einförmig und langweilig. london ist leer und
biethet gar keine ressourcen, ich gehe oft ins coventgarden theatre, wo
ich mit kielmansegge eine loge genommen habe. Plunkett ist eine aller-
liebste tänzerinn, und ich dachte Anfangs daran, sie mir beyzulegen, doch
bin ich jetzt nicht mehr wie sonst zu dergleichen dingen aufgelegt, doch
besuche ich sie manchmal, besonders auf der scene. ich habe eine halbe
Idee, zu meiner Aufheiterung einen Ausflug nach Paris zu machen, doch
wird wohl nichts daraus werden.
Aus schleswig erhalte ich lamentable Briefe, dort drohen wieder neue
verwicklungen, denn weder das Benehmen dänemarks noch jenes der pro-
visorischen regierung scheinen auf frieden und versöhnlichkeit zu deu-
ten.
[london] 18. november vormittags
Berlin hat jetzt Wien in der öffentlichen Aufmerksamkeit den rang abge-
laufen. der könig hat ein gewaltministerium Brandenburg gebildet, die
nationalversammlung vertagt und nach Brandenburg verlegt und, da
diese sich weigert, Berlin in Belagerungsstand versetzt. die Würfel sind
also geworfen, und der könig kann nicht mehr zurück, doch fürchte ich ei-
nen übeln Ausgang, denn man ergreift keine schnell entscheidenden maß-
regeln, der Belagerungsstand und Wrangels Proklamationen werden nicht
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien