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Tagebücher186
ruhe in der nähe des busy london. ich lebte diese Zeit ganz als wäre ich
selbst ein fellow, aß im Queens college mit ihnen etc. Abends waren wir in
einer debating society, wo die jungen leute ganz mit der Würde und feier-
lichkeit eines Parlamentes die verschiedensten, politischen, litterarischen
etc. Fragen behandeln, eine vortreffliche Einrichtung.
Auch an den bisher so stationär gebliebenen universitäten englands
gährt es jetzt, und sind reformen im Werke, welche in cambridge durch
die Anregung des chancellor Prinzen Albert zum theile schon durchge-
führt worden sind. Aber der Zopf steckt hier fester als irgendwo, und den-
noch glaube ich, daß die revolution in england (denn auch diesem lande
steht eine bevor) von hier ausgehen wird, denn die mittelalterliche Be-
schränktheit, die selbstgezogenen geistigen schranken auf wissenschaftli-
chem und religiösem Boden (namentlich auf diesem letzteren) können nicht
mehr lange dauern, sowie aber Bewegung in die geister in dieser richtung
kömmt, wird sie auch in den andern nicht ausbleiben, und der klügste ver-
stand wird sich bald an die Aristokratie, ja sogar an das königthum heften.
soll man es wünschen, daß englands jetzige verfassung, dieses schönste
reliquium des mittelalters, zu grunde gehe? ich kann es nicht, es wird
aber doch so kommen.
gestern vormittags fuhr ich von oxford nach Woodstock und Blenheim
und sah mir den magnifiquen Park des Herzogs von Marlborough an.
stockmar war neulich bey mir, ein sehr klares decidirtes gescheidtes
trockenes Männlein, sein Einfluß hier soll sehr groß seyn, von Frankfurt
hat er Aufträge semiofficieller Natur, und das mißfällt mir, und ich werde
dagegen dort persönlich protestiren. ohnehin ist meine stellung hier nicht
beneidenswerth. das ministerium läßt mich ganz ohne mittheilungen,
lord Palmerston wendet sich vorzugweise durch cowley an dasselbe, da
dieser großen Einfluß hat, und so erfahre ich nicht einmal immer das, was
zwischen england und frankfurt verhandelt wird, ohne daß jedoch eine
Zurücksetzung im mindesten in der Absicht des ministeriums läge. Aber
schmerling ist ein elender minister des Auswärtigen, und ich werde froh
seyn, wenn er ersetzt wird, wozu sich aber noch immer Niemand finden
lassen will.
übrigens theilt stockmar ganz meine Ansicht über die falsche stellung,
in welche sich das ministerium vis-à-vis der nationalversammlung und der
reichsverweser vis-à-vis des ministeriums gesetzt hat. das ist nun freilich
kaum mehr zu ändern. in Betreff oesterreichs scheint nach seinen mitt-
heilungen die Ansicht wenigstens der gewichtigeren männer in frankfurt
entschieden auf einen Austritt oesterreichs zu gehen, nur der erzherzog
möchte einen Beytritt von ganz oesterreich!! ich habe meine Ansichten
brieflich Vielen in Oesterreich und Frankfurt mitgetheilt (Schuler, Egger,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien