Page - 193 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
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1938.
Dezember 1848
ich habe nun meine Zweifel, ob ich nicht bey diesem thronwechsel eine
demonstration machen soll, ob ich überhaupt ohne erlaubniß des neuen
kaisers in meiner stellung bleiben kann, und will deßhalb mit erzherzog
ferdinand mich besprechen.
An meine Wähler habe ich eine Adresse verfaßt, worin ich meine An-
sichten über das künftige verhältniß oesterreichs zu deutschland und die
unmöglichkeit eines Beytritts von oesterreich darlege. diese geht morgen
ab und zugleich eine Abschrift davon an J. seidlitz, welcher in olmütz den
oesterreichischen correspondenten redigirt und sie in dieses Blatt einrük-
ken soll. dieses soll mein glaubensbekenntniß für oesterreich seyn.1
meiner vorgestrigen Wahl in die redactionskommission für eine Adresse
an das österreichische volk habe ich, wie ich glaube, ein schnelles ende ge-
macht, ich brachte nämlich bey unserm gestrigen ersten Zusammentreten
einen entwurf mit, im wesentlichen wie jene Adresse an meine Wähler,
und verlas sie, und da sie wie natürlich wenig Beyfall fand, empfahl ich
mich, indem ich meine vorgestern geäußerten Bedenken wiederholte.
gestern Abend hatten wir eine wichtige conferenz bey Beckerath, wo
sämmtliche Minister, Gagern und die einflußreichsten Mitglieder der Rech-
ten und der centren versammelt waren. es handelt sich nämlich darum,
daß jetzt, wo die österreichische frage zur entscheidung kömmt, schmer-
ling als oesterreicher vom ministerium des inneren zurücktreten und ga-
gern dasselbe mit der Präsidentschaft übernehmen soll. Bey der bekannten
Ansicht gagern’s über diese frage wäre sein eintritt zugleich ein Pro-
gramm, und zwar gerade so wie ich es wünschen würde, es handelt sich
also nur darum, ob sein Antrag, der bey der 1. lesung des verfassungsent-
wurfes nur 69 stimmen für sich hatte, mittlerweilen die majorität haben
würde?2 (was ich nach meiner bisherigen hiesigen Wirksamkeit beynahe
den umgestaltung und verjüngung der gesamtmonarchie führen soll,“ betrete: „Auf den
grundlagen der wahren freiheit, auf den grundlagen der gleichberechtigung aller völker
des reiches und der gleichheit aller staatsbürger vor dem gesetze so wie der theilnahme
der volksvertreter an der gesetzgebung, wird das vaterland neu erstehen, in alter größe,
aber mit verjüngter kraft, ein unerschütterlicher Bau in den stürmen der Zeit, ein geräu-
miges Wohnhaus für die stämme verschiedener Zunge, welche unter dem scepter unserer
väter ein brüderliches Band seit Jahrhunderten umfangen hält. fest entschlossen, den
glanz der krone ungetrübt, und die gesamtmonarchie ungeschmälert zu erhalten, aber
bereit unsere rechte mit den vertretern unserer völker zu theilen, rechnen Wir darauf,
daß es mit gottes Beistand und im einverständnisse mit den völkern gelingen werde, alle
lande und stämme der monarchie zu einem großen staatskörper zu vereinigen.“
1 vgl. dazu eintrag v. 19.12.1848.
2 der Antrag heinrich von gagerns in der verfassungsdebatte am 26.10.1848 lautete: „oe-
sterreich bleibt in Berücksichtigung seiner staatsrechtlichen verbindung mit nichtdeut-
schen ländern und Provinzen mit dem übrigen deutschlande in dem beständigen und un-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien