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Tagebücher194
glaube), und eben darüber sollte diese conferenz entscheiden, ich sprach
mich ganz offen aus, ein resultat wurde aber trotz oder wegen der gewohn-
ten redseligkeit nicht erreicht, und die frage schwebt noch.
überhaupt ist diese frage noch immer nichts weniger als klar, es gibt
eine menge leute, die entsetzlich schwarz sehen, ein Zerfallen der gan-
zen deutschen sache beym Austritte oesterreichs prophezeyen (was ich im
österreichischen interesse tief beklagen würde), auch in den übrigen deut-
schen staaten regt sich der Particularismus wieder mächtiger als je, Bay-
ern beschickt insgeheim Preußen, und man spricht von sonderbündnissen
etc. dazu kömmt, daß der könig von Preußen durchaus nicht geneigt ist,
die ihm hier von vielen zugedachte rolle eines erbkaisers zu übernehmen,
und gagerns reise nach Berlin, welche hauptsächlich diesen Zweck hatte,
ist mißlungen,1 nun will man ihn von hier, d.h. von der nationalversamm-
lung aus dazu zwingen, kurz ich sehe noch keinen Ausgang aus diesem la-
byrinthe. dazu kömmt, daß man die An- und Absichten oesterreichs noch
nicht genau kennt, ob es ein Zustandekommen des deutschen Bundesstaa-
tes, ob es eine preußische hegemonie zugeben werde, endlich wie es sich in
seinem innern zu constitiuiren gedenke. Welcker sagte mir heute, stadion
und schwarzenberg hätten sich gegen ihn dahin ausgesprochen, daß sie
oesterreich als eine Art von staatenbund herstellen wollten etc.2
sey es nun wegen dieser ungewißheit oder wegen meiner beständigen
geistigen Aufregung und thätigkeit oder wegen des meine nerven aufre-
genden hiesigen climas, kurz ich bin seit ein paar tagen ganz verstimmt
und muthlos, das englische Clima sagt meinen Nerven vortrefflich zu, und
ich möchte wieder in london seyn, doch ist darüber noch nichts zu bestim-
men, ehe man weiß, wie sich das verhältniß der österreichischen Abgeord-
auflöslichen Bunde. Die organischen Bestimmungen für dieses Bundes-Verhältniß, welche
die veränderten umstände nöthig machen, werden inhalt einer besonderen Bundes-Acte.“
die von Andrian angegebene Zahl von 69 stimmen kann sich nur auf eine informelle un-
terstützung des Antrags beziehen, der nicht zur Abstimmung kam, da ihn gagern am tag
darauf wegen Aussichtlosigkeit „bis zur zweiten Abstimmung“ zurückzog. Andrian nahm
an den debatten nicht teil, er befand sich in london.
1 Frh. Heinrich von Gagern war vom 25.11.–3.12.1848 zu inoffiziellen Verhandlungen im
verfassungspolitischen Konflikt zwischen Reichs- und preußischer Regierung in Berlin und
Potsdam.
2 karl theodor Welcker war gemeinsam mit Johann ludwig mosle am 13.10.1848 als reichs-
kommissar nach olmütz zu verhandlungen mit der österreichischen regierung und wenn
möglich mit dem reichstag entsandt worden, um „alle zur Beendigung des Bürgerkrieges,
zur herstellung des Ansehens der gesetze und des öffentlichen friedens erforderlichen
vorkehrungen zu treffen,“ wie es in ihrer vollmacht hieß. von österreichischer seite wurde
ihnen jedoch jedes recht auf intervention in dieser frage abgesprochen. nach niederschla-
gung des Wiener Aufstands verließen sie am 31. oktober olmütz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien