Page - 195 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 195 -
Text of the Page - 195 -
19510.
Dezember 1848
neten hier gestalten wird, es könnte ja sogar zu einem Austritte derselben
kommen, und dann hätte meine stellung ohnehin ein ende.
die conferenzen in Brüssel scheinen dennoch zu stande zu kommen,1
und wie bey dem zweifelhaften verhältnisse zu oesterreich die stellung
der centralgewalt dabey seyn wird, ist mir noch ungewiß, und auch davon
hängt meine rückkehr nach london ab, denn ich bin in dieser sache zu
weit gegangen, und sie liegt mir zu sehr am herzen, als daß ich, im falle
die centralgewalt keinen Antheil nähme, zurückkehren wollte.
der Pabst ist in gaëta angekommen und dadurch die Absendung des
französischen truppenkorps unterblieben, gegen welche sich übrigens lord
Palmerston unter jeder voraussetzung sehr lebhaft ausgesprochen hatte.
Der sardinische Geschäftsträger hier, Signore Gallenga, intriguirt fleißig
mit der linken und mit den Wühlern.
[frankfurt] 10. december
es gährt noch immer und Alles ist unentschieden, wir sind in einer mini-
sterkrisis, die minister scheinen in der österreichischen frage nicht einig
zu seyn und wollen daher zurücktreten, und gagern soll ein neues cabinet
bilden, die einen wollen unterhandlungen mit olmütz anknüpfen, die an-
dern ohne weiters passer outre und Preußen an die spitze stellen, welches
ohnehin durch seine so eben octroyirte außerordentlich (viel zu) liberale
verfassung vorangetreten ist.2 in allen clubs wird lebhaft debattirt, und
es regen sich viele stimmen persönlich gegen schmerling. die österreichi-
schen Abgeordneten sind in einer sehr aufgeregten stimmung und so un-
klar wie möglich, schwanken zwischen gefühlen, irrigen raisonnements
und falschen delikatessen hin und her. die linke macht jetzt schritte, um
oesterreich zu gewinnen und gegen Preußens Principat zu kämpfen.
Zwischen allen diesen kämpfen wird die stellung der centralgewalt im-
mer schwächer und unhaltbarer, der erzherzog ist schon längst um jeden
Schatten von Ansehen und Einfluß gekommen, kurz die Dinge stehen so
schlecht wie möglich, und ich glaube an eine nahe catastrophe, obwol ich
nicht einsehe, woher sie kommen soll. ich habe unter diesen umständen
1 eine letztlich nicht zustande gekommene internationale konferenz zur Beendigung des
Konflikts in Italien, vgl. Eintrag v. 18.11.1848.
2 die preußische verfassung wurde am 5.12.1848 von friedrich Wilhelm „von gottes gna-
den, könig von Preußen“ erlassen angesichts der „eingetretenen außerordentlichen ver-
hältnisse, welche die beabsichtigte vereinbarung der verfassung unmöglich gemacht, und,
entsprechend den dringenden forderungen des öffentlichen Wohls, in möglichster Berück-
sichtigung der von den gewählten vertretern des volkes ausgegangenen umfassenden vor-
arbeiten […] vorbehaltlich der am schlusse angeordneten revision derselben im ordentli-
chen Wege der gesetzgebung,“ wie es in der Präambel hieß.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien