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Dezember 1848
sehr leicht durch ihre zu große hast selbst den hals brechen. ich war froh,
diesen Anlaß benützen zu können, um mit éclat und als oesterreicher aus-
zutreten, und meine nun, wir sollen uns vorerst ganz still und abseits, beob-
achtend verhalten, nicht wie viele österreicher wollen, gegen die Preußen
reagiren, sondern die dinge ihren natürlichen gang gehen zu lassen.
es vereinigen sich eine menge umstände, um unsern rücktritt noch be-
deutender zu machen: Bunsen hat den Auftrag der centralgewalt, in ihrem
nahmen den frieden mit dänemark zu unterhandeln, abgelehnt. dagegen
schicken die dänen 6.000 mann nach Alsen, was ein offenbarer Bruch des
Waffenstillstands ist. gallenga ist von seiner regierung abberufen und zu-
gleich seine von hier aus auf eigene faust unternommenen schritte, eine
directe verständigung zwischen sardinien und oesterreich herbeyzufüh-
ren, désavouirt, kurz, es bricht von allen seiten ein. die Abneigung gegen
Preußens Principat wird immer größer und wird durch unsern heutigen
schritt nicht geschwächt werden, die regierungen sind thätig, und das
ende der ganzen pompösen geschichte dürfte sehr wahrscheinlich eine oc-
troyirte verbesserte Bundesakte seyn.
[frankfurt] 19. dezember Abends
ekelhaftes und erbärmliches Zeug, ich habe noch nie soviel Ärger und
überdruß empfunden als jetzt.
unser Austritt, besonders der schmerlings, hat auf die oesterreicher
elektrisch gewirkt, theils weil sie sich verletzt glaubten, theils weil ihnen
schmerlings temporisirende und unklare Politik zusagte, theils aber und
hauptsächlich, weil er und Würth wie ein paar zornige weggejagte Bediente
hetzten und schürten, kurz das elende Projekt sommaruga’s, eine Allianz
mit der linken zu schließen und coûte que coûte gegen die Preußen zu intri-
guiren, ist zur Wirklichkeit geworden, hat diese monströse Allianz Bestand,
so fällt das ministerium gagern über den haufen, mit ihm aber auch die
nationalversammlung und die ganze deutsche sache, denn nach gagern
kann nur ein ministerium der linken oder vielmehr dieser unnatürlichen
coalition folgen, und was dann geschieht, ist klar.
ich habe gethan, was ich konnte, habe meinen landsleuten vorgestellt,
wie illoyal und zugleich unpolitisch es sey, gegen die Preußen zu intrigui-
ren, wie sehr es in unsrem interesse liege, daß der deutsche Bundesstaat
(natürlich ohne uns) zustandekomme, wäre es auch unter dem Principate
Preußens, wie uns eine coalition mit der linken um alles Ansehen und
terrain bringen müßte etc., umsonst. schmerling und Würth ließen sich
mit leuten wie moering, schneider etc. in ein comité wählen, und es wurde
beschlossen, um jeden Preis gegen die Preußen zu arbeiten. so kam es, daß
bey der gestrigen Präsidentenwahl simson nach einem 3maligen scruti-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien