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20510.
Jänner 1849
diesen tagen herein. morgen esse ich zum Abschiede noch beym Prinzen
von Parma in roehampton.
hier gibt es nichts neues, wegen der christmas holidays ist london stiller
als je, und doch wird es mir leid thun von hier fortzugehen, ich habe hier lan-
geweile, aber eine großartige langeweile ausgestanden, und jedes andere
land ist doch mesquin im vergleiche zu england. Wie ich jetzt vom conti-
nent wieder in dover ankam, ergriff mich ein angenehmes gefühl des Wohl-
behagens. daneben hat auch die angenehme materielle und gesellschaftliche
stellung ihren Werth, und endlich und hauptsächlich, wieviel hätte ich bey
einem längeren Aufenthalte hier sehen und lernen können! Zu allem diesem
ist gegenwärtig freilich weder Zeit noch stimmung vorhanden. Andererseits
merke ich, daß meine stellung auf die dauer nicht haltbar geworden wäre,
und freue mich, daß ich gerade jetzt noch mit ehren weg komme, denn je
mehr sich die einzelnen deutschen regierungen wieder zu fühlen beginnen
(so schickt z.B. sachsen seinen schon so gut wie abberufenen gesandten
Beust wieder her), desto mehr verfällt hier das Ansehen der centralgewalt.
Bunsen ist heute nach Berlin abgereist, wohin er berufen wurde, angeb-
lich um für die dänischen unterhandlungen instruirt zu werden. in diesen
ist noch gar nichts geschehen, im gegentheile nimmt die verwirrung im-
mer zu, und dänemark wartet sehr natürlich darauf, wie sich die verhält-
nisse in frankfurt gestalten werden.
von dorten schreibt man mir, daß schmerling zum österreichischen Be-
vollmächtigten bey der centralgewalt ernannt worden ist und erwartet
wird, der Ausschußbericht über gagerns Programm ist noch nicht erstat-
tet. dagegen scheint der club schröder fortzubestehen.1 inzwischen hat
oesterreich der centralgewalt den Antrag gestellt, gemeinschaftliche con-
suln für oesterreich und deutschland zu bestellen, und zwar für den orient
von oesterreich, für die übrigen Plätze von der centralgewalt – !! – was
heißt das? wieder ein Beitrag zur verwirrung und unklarheit. meine rolle
in frankfurt wird, denke ich, eine sehr passive seyn, wenn mich nicht meine
angenehme Angewöhnung an Gräfinn Bergen dort festhält, so gehe ich so-
gar vielleicht ganz weg, etwa nach BadenBaden, wo ich à portée bin und
doch ganz mir selbst leben kann. ich glaube nicht, daß für uns in frankfurt
noch viel Wichtiges zu erreichen ist.
[london] 10. Jänner
diesen Abend habe ich lepel mit einem theile meiner effecten nach frank-
furt expedirt, ich denke, am samstag 13. Abends von hier abzureisen, ob-
1 die großdeutschen Abgeordneten über die fraktionsgrenzen hinweg trafen sich im hotel
schröder.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien