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Tagebücher206
wohl ich meine Audienz bey der königinn noch nicht gehabt habe und auch
noch nicht weiß, ob und wann ich sie haben werde. Palmerston, der seit
vorgestern in der stadt ist, hat mir noch nichts darüber sagen lassen, ja ich
werde ihn erst morgen sehen. da ich aber nicht länger warten will, so war
ich heute bey lord eddisbury und bath ihn, Palmerston zu sagen, daß ich
jedenfalls samstag abreisen werde, ich möge nun bis dahin die königinn se-
hen oder nicht. Zu sagen habe ich ihr nichts, als was ich ihr schon in Wind-
sor sagte, und ich habe gar keine lust, wegen Palmerstons Bequemlichkeit
hier meine Zeit zu verlieren. ich will einige tage in Paris bleiben und gegen
den 20. oder 22. in frankfurt seyn.
dort steht es verworrener als je, das österreichische ministerium pro-
testirt gegen gagerns Programm, erklärt, oesterreich müsse und werde
bey deutschland bleiben, und besteht darauf, sich über das Wie erst nach
vollendung der verfassung auszusprechen. schmerling ist als österreichi-
scher Bevollmächtigter zurück[ge]kehrt und intriguirt mehr als je. gagern
hat die österreichische note dem Ausschusse über die österreichische frage
mit einem sehr kräftigen schreiben mitgetheilt, worin er im Wesentlichen
auf den Punkten seines Programmes besteht und die (von oesterreich auf-
gestellte) vereinbarungstheorie als Princip entschieden ablehnt. das wird
nun die Partheyen wieder einmal confus durcheinander werfen. Am 8. sollte
die discussion beginnen, welcher der Ausgang seyn wird, ist unmöglich von
hier aus vorherzusehen.1
1 heinrich v. gagern hatte dem Ausschuss am 5.1.1849 eine österreichische note zu seinem
regierungsprogramm (datiert mit 28.12.1848, sie war gagern zunächst mündlich und am
4. Jänner schriftlich mitgeteilt worden) mit entsprechenden Bemerkungen übermittelt.
fürst schwarzenberg erklärte in seiner note, die Ansicht, österreich würde dem zu bilden-
den deutschen Bundesstaat nicht beitreten, sei falsch. im gegenteil, österreich sei „heute
noch eine deutsche Bundesmacht“, und seine künftige stellung erst zu klären: „das, was
wir suchen, ist eine gedeihliche lösung der großen frage. diese wird nur – davon möge der
herr minister überzeugt sein – auf dem Wege der verständigung mit den deutschen regie-
rungen, unter welchen die kaiserliche den ersten Platz einnimmt, zu erreichen sein. gern
sind wir bereit, ihm bei dem schwierigen Werke die hand zu reichen.“ in gagerns erläu-
terungen dazu heißt es, dass österreich „bei der natur seiner Zusammensetzung mit au-
ßerdeutschen ländern eine sonderstellung“ im neuen Bundesstaat einnehmen müsse, die
zu verhandeln sei. nicht zur verhandlung stünde dagegegen die zu schaffende verfassung
als solche, weswegen der fortbestand der staatlichen einheit der österreichischen mon-
archie unvereinbar sei mit der unterordnung eines teiles davon unter einen „einheitlich
regierten, kurz dem Willen der nation entsprechenden deutschen Bundesstaat.“ „die hoff-
nungen, wo sie auftauchen mochten, daß die Zeit gekommen sei, den starken Bundesstaat
mit dauerhafter einheitlicher oberster gewalt in der geburt zu ersticken, und durch ein
surrogat zu ersetzen, das dem alten Bundestage mehr oder weniger ähnelt, diese hoffnung
wird zu schanden werden.“ der Ausschussbericht, dem auch diese schriftstücke beiliegen,
wurde am 11.1.1849 der nationalversammlung vorgelegt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien